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Rüsselsheim Erste Ernte ein Erfolg

Die Initiative für solidarische Landwirtschaft „Auf dem Acker“ in Rüsselsheim will sich vergrößern. Frisches Obst und Gemüse gibt es bereits für 50 Vereinsmitglieder.

Sind die Äpfel schon reif? Initiatoren Toni Groß und Sandra Wolf.

Solidarische Landwirtschaft – das klingt erst mal nach selber auf dem Feld schuften. Kann man. Muss man aber nicht unbedingt. In erster Linie geht es bei den Initiativen, die derzeit vielerorts aus dem Boden schießen, vor allem darum, den Bezug zu regionalen Lebensmitteln wieder herzustellen, die Umwelt zu schonen und den Wandel der Natur selbst mitzuerleben.

Das heißt bei strikter Anwendung zwar „im Winter gibt es keine Tomaten“, sagt Sandra Wolf vom Verein „Bio Solawi Auf dem Acker“ in Rüsselsheim. „Aber dann essen wir eben mehr Sauerkraut.“ Man müsse sich darauf einlassen, das zu verarbeiten, was gerade wächst.

Wolf, die von Beruf Mathematikerin ist, hat die Initiative im Rüsselsheimer Ortsteil Königstädten (Kreis Groß-Gerau) vor einem Jahr mitgegründet. Inzwischen hat der Verein 50 Mitglieder. Dieses Jahr wird zum ersten Mal geerntet. Mit der Bilanz ist man bisher trotz der Hitze sehr zufrieden: Schon 548 Kilogramm Zucchini, 348 Kilogramm Kohlrabi, 129 Kilogramm Tomaten konnten verzehrt werden. Dazu etliche Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren, Bohnen, Kürbisse und Salat. 50 verschiedene Sorten Gemüse und Obst wachsen auf dem 1,5 Hektar großen Acker mit angrenzender Streuobstwiese.

Die Hauptarbeit übernimmt Landwirtin Anne Leonard, die der Verein beschäftigt. Sie sät, pflanzt und pflegt das Areal. Außerdem erntet sie Donnerstagvormittag alles, was reif ist. Dann werden die Nahrungsmittel in fünf Depots verteilt, die sich in Rüsselsheim, Trebur, Astheim, Königstädten und Nauheim befinden. Von dort holen sich die Inhaber sogenannter Ernteanteile ihr Gemüse ab. „Da steht eine Waage und auf einer Liste kann jeder sehen, wie viel er sich pro Ernteanteil nehmen darf“, erklärt Wolf. Ein Anteil decke den Bedarf für eine zweieinhalbköpfige Familie. Gezahlt wird immer für ein ganzes Jahr.

Wie teuer ein Anteil ist, das wird jeweils im November festgelegt, wenn man weiß, wie viel man in der kommenden Saison anbauen möchte, wie hoch der Arbeitslohn ist und wie viele Menschen mitmachen, so Wolf. Bei einer Bieterrunde lege dann jeder fest, wie viel er sich seinen Anteil kosten lassen kann. Das Ziel ist, dass am Schluss ausreichend Geld im Topf ist. „Das ist der solidarische Ansatz“, sagt Mitinitiator Toni Groß. Für ihn hat die solidarische Landwirtschaft das Potenzial, die konventionelle Landwirtschaft zu ersetzen. In dieser Saison baut der Verein 30 Ernteanteile an. „Wir könnten mehr Leute mit gutem Gemüse versorgen“, sagt Wolf. Deshalb sucht der Verein jetzt nach weiteren Interessenten. Auch soll eine weitere Arbeitskraft eingestellt werden.

Doch jetzt am Wochenende werden erst mal Kartoffeln geerntet. Hier helfen auch Freiwillige mit. Vor allem für die Kinder sei das ein Erlebnis, sagt Groß. Auch wenn Apfelsaft gepresst oder Kartoffelkäfer gesammelt werden. Vorgesehen sei, dass jeder zweimal im Jahr hilft.

Viel Arbeit hatten die Initiatoren im ersten Jahr mit organisatorischen Aufgaben und der Aufstellung eines Zauns gegen Wildschweine und Rehe, die sich, aus dem angrenzenden Wald kommend, gerne über die Gemüsepflanzen hermachen. Einmal fiel mitten in der Sommerhitze die Aufwicklung der Bewässerungsanlage für eine Woche aus. „Alle zwei Stunden kamen Leute und drehten das Rad weiter“, sagt Wolf. Aber die Arbeit lohne sich. Nicht nur dass das Gemüse besser schmecke und biologisch angebaut sei, „es ist das eigene“, sagt Wolf.

Für die Zukunft hat der Verein viele Pläne. Ein Container für Werkzeug soll aufgestellt und ein Pflanztunnel aufgebaut werden, damit man eigene Jungpflanzen heranziehen kann. Denn anders als beim konventionellen Ackerbau soll die Ernte nicht auf einmal eingefahren werden, sondern nach und nach reifen. Das heißt, es muss in Etappen angebaut und gesät werden. Als nächstes kommen Feldsalat, Karotten und Steckrüben dran.

Eine Idee sei, aktive Bildungsarbeit zu betreiben, sagt Groß. Etwa, indem man Schulen und Kindergärten einlädt, bei der Ernte zu helfen. Diesen Aspekt findet auch Heike Muster wichtig. Die Bio-Landwirtin hat gemeinsam mit ihrem Mann der Initiative aus Überzeugung das Areal verpachtet. „Der Ansatz behagt uns, weil viele junge Leute dabei sind.“

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