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Nauheim Briefe aus der Hölle

Der Nauheimer Autor Pierre Dietz schreibt ein Buch über das Leid seines Urgroßvaters in Auschwitz

29.09.2010 10:08
Zahlreiche Bilder, hier „Im Wagon“, zeigen das Elend. Foto: Pierre Mania

Pierre Dietz war zehn Jahre alt, als sein Urgroßvater William Letourneur 1973 starb. Was dieser etwa 30 Jahre zuvor erlebt hatte, wusste Dietz damals noch nicht. Er erinnert sich aber bis heute an den Tag, als die beiden ihre Hände wuschen und der Junge wegen der hoch gekrempelten Ärmel seines Ur-Opas die tätowierte Nummer auf dessen Arm sah: „Ich brüllte wie am Spieß.“

Für den Jungen war klar, dass das „mit unheimlichen Schmerzen verbunden gewesen sein musste“. In seiner Familie hieß es knapp, dass der Vater seiner Oma „in Auschwitz war“. Mittlerweile ist es dem 46-jährigen Nauheimer gelungen, mehr über das Schicksal seines Verwandten aus Maromme, einem Vorort von Rouen, zu erfahren.

Dietz nahm für seine dreijährige Recherche Briefe zur Hand, die sein Urgroßvater zwischen 1943 und 1945 als Häftling in den Lagern der Nazis nach Hause geschickt hatte. 2005 erhielt Dietz die Originale. Die „Briefe aus der Deportation“ sind nun Titel und roter Faden in einem mehr als 300 Seiten umfassenden Buch, das den Weg vom französischen Widerstand bis nach Auschwitz schildert und am 1. Oktober erscheint.

Das Buch arbeitet einerseits eine Familiengeschichte auf. Dietz schildert den Leidensweg in den Lagern von Compiègne, Buchenwald, Lublin und Auschwitz, in denen sein Urgroßvater seiner Freiheit und Menschenwürde beraubt wurde. Letourneur hatte sich nach dem Einmarsch der Deutschen der kommunistischen Widerstandsgruppe Front National angeschlossen. Er wurde denunziert und am 3. März 1943 von der Gestapo verhaftet.

Das Buch stützt sich darüber hinaus auf einzigartige Quellen. Briefe in dieser Fülle, geschrieben über einen so langen Zeitraum, gelten unter Holocaust-Forschern als historische Rarität. Das bescheinigten dem Autor unter anderem Mitarbeiter der Gedenkstätte Buchenwald.

Sein Buch sei auch für junge Leute geeignet, sagt Dietz. Er wagt Ungewöhnliches: Neben den Schreckensbotschaften und Hilferufen seines Urgroßvaters veröffentlicht Dietz ausgerechnet Witze aus dieser Schreckensepoche. „Man konnte für einen Witz ins Gefängnis kommen“, sagt er. Er will jungen Lesern nahe bringen, wie gefährlich es war, eine eigene Meinung zu äußern. Dietz versteht sein Werk als „Mahnmal an die Jugend, aufzupassen, dass keine Fanatiker an die Macht kommen“.

Zeitzeugen kommen zu Wort

Illustriert wurde das Buch mit Zeichnungen von Auguste Favier und Pierre Mania. Von Favier weiß Dietz, dass dieser in Buchenwald unweit seines Urgroßvaters vor sich hin vegetieren musste. Favier bannte das Elend auf Papier und versteckte es in den Baracken des Lagers.

Mit selbst erstellten dreidimensionalen Grafiken veranschaulicht Dietz, wie die Lager aussahen und wo etwa sich das Schussfeld befand. Auch Zeitzeugen kommen zu Wort, darunter Dieter Rieke, früherer Presseamtsleiter der Stadt Rüsselsheim, der als junger Soldat in der Gefangenschaft in der Normandie bei Verhören übersetzt hat.

Dass sein Ur-Opa all das überleben konnte – er wurde am 27. Januar 1945 in Auschwitz befreit – berührt Dietz. „Genau genommen“, sagt er, „danke ich 232 russischen Soldaten, die bei der Befreiung von Auschwitz ihr Leben ließen. Sonst hätte ich ihn nie gesehen.“ ( eda)

Das Buch „Briefe aus der Deportation“ ist ab 1. Oktober im Verlag Edition AV erhältlich.

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