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Muslimisches Musterbegräbnis Begräbnis ohne Leiche

Bei einem Probedurchlauf für ein Begräbnis nach islamischem Brauch ist in Rüsselsheim getestet worden, wie sich ein Toter ohne Sarg unter die Erde bringen lässt. Die Maße deutscher Gräber sorgen für Schwierigkeiten.

19.04.2013 22:04
Der Sarg dient bei einer muslimischen Bestattung nur zum Transport. Foto: Frank Möllenberg

Der Kerl hat schon einige Höhenrettungen überstanden. Zu diesem Termin auf dem Friedhof am Waldweg gibt er die Leiche. Beim muslimischen Musterbegräbnis probieren Bestatter und Friedhofsmitarbeiter unter den kritischen Augen von Vertretern muslimischer Gemeinden, von Experten für Arbeitssicherheit und Mitarbeitern der Friedhofsverwaltungen anderer Kommunen aus, wie sich ein Toter ohne Sarg in die Erde bringen lässt.

Rainer Karl, Fachmann für Arbeitssicherheit vom Berufsgenossenschaftlichen Arbeitsmedizinischen Dienst (BAD) in Darmstadt, hat den Dummy mitgebracht: ein ausgestopfter Overall vom Format eines stattlichen Mannes. Eigentlich heißt er Willi, heute nicht.

Spiritualität trifft da auf Baggerschaufelbreiten, religiöse Rituale auf im Bestattungsrecht geregelte Mindestgrabtiefen. Seit dem 1. März sind in Hessen Beisetzungen ohne Sarg erlaubt, wie sie der Koran und die Mehrheit der Muslime in Deutschland fordern. Rüsselsheim ist eine der Kommunen, die diese Variante in ihrer neuen Friedhofssatzung verankert hat.

Von der rituellen Waschung bis zum Betten des Verstorbenen in der Grabkammer führte der Rüsselsheimer Bestatter Erdogan Tur vor, wie eine Beisetzung nach islamischen Regeln abläuft. Ein Raum für die Waschung und ein eigenes muslimisches Gräberfeld sind schon fertig eingerichtet. Die muslimischen Gemeinden haben einen Gebetsstein, den Musalla-Stein, beigesteuert. „Dreimal wird der Körper gewaschen“, erläutert Tur, „voraus geht die Bitte an Gott, er möge die Seele reinigen“.

Mit seinem Helfer dreht er den Toten vom Rücken auf den Bauch und hebt ihn, nachdem alle Körperteile vom Kopf zu den Füßen gewaschen sind, in einen mit drei weißen Baumwolltüchern ausgeschlagenen Sarg – hier kommt er nun doch ins Spiel. Aber nur für den Transport zum Gebetsstein und zur Grabstätte. „Kein Leichnam wird einfach so durch die Gegend getragen“, sagt Tur. Der Sarg ist dann mehrfach verwendbar.

Der Leichnam wird im Sarg auf dem Gebetsstein aufgebahrt, der Imam spricht ein Gebet. Diese Rolle übernimmt Sabri Yivli von der Emir Sultan Camii Moschee in Darmstadt. Dann tragen mehrere Männer (in der Regel Söhne, Brüder, Onkel) – beim Musterbegräbnis die, die gerade da sind – den Sarg auf Schultern zur Grabstätte. Und dort fangen die Fragen an. 1,75 Meter tief ist das Erdloch, in das Tur verschwindet, um den Leichnam richtig zu betten, auf die rechte Seite, das Gesicht Richtung Mekka. Das geht nicht ohne Leiter. Es ist eng. 90 Zentimeter breit wird in Rüsselsheim ein Grab ausgehoben. Und unten ist es plan durch die Baggerschaufel, sodass der in Tuch gehüllte Körper nicht gut auf der Seite liegen bleibt. Eine Kuhle in der Mitte graben, schlägt Imam Sabri Yivli vor.

In islamischen Ländern wird das Grabloch nur hüfttief ausgehoben, erläutern die Vertreter der muslimischen Glaubensgemeinschaften. Erdogan Tur plädiert dafür, das auch in Deutschland zu erlauben. Doch Hessen schreibt mindestens einen Meter Erde über dem Sarg vor, entsprechend tief muss das Loch sein, stellt Friedhofsverwalter Willi Kuhn klar.

Zu schauen, wo es hakt, und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, ist das Ziel des Probedurchlaufs, erklärt Michael Finger von den zuständigen Betriebshöfen. Die Ergebnisse werden jetzt im Dialog mit Muslimen, Ausländerbeirat, Friedhofsverwaltung und Fachleuten für Arbeitssicherheit in eine Verfahrensanleitung gegossen. Fest steht schon jetzt: Die Bestattung ohne Sarg ist nur mit religiöser Begründung möglich. Sprich: Nichtmuslimen, auch wenn sie Gefallen an einem Begräbnis nur in weißes Tuch gehüllt finden, bleibt nach wie vor nur die Holzkiste. (vol.)

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