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Modautal "Ich bin nicht arm"

Eine Frau, die ihr Leben lang gearbeitet hat, erhält lediglich 147 Euro Rente

29.11.2012 11:38
Die 67-Jährige lebt mit ihrem Sohn in einem Haus. Foto: André Hirtz

Zu wenig Geld im Alter: Das betrifft immer mehr Menschen in Deutschland. Auch im Landkreis Darmstadt-Dieburg gibt es Betroffene. So wie Renate Krist (67, Name von der Redaktion geändert), die mit 147 Euro Rente und 400 Euro vom getrennt lebenden Mann über die Runden kommen muss. Dennoch betont die 67-Jährige aus Modautal, sie sei nicht arm, lege sogar noch was für die Enkel zur Seite.

Sie braucht derzeit beim Einkauf eine Krücke, auch das Treppensteigen ist beschwerlich: Nach einer Knie-Operation hilft ihr Sohn, wenn es in den Keller geht. „Er macht das gern, lebt mit mir unter einem Dach und baut sein Häuschen langsam um“, sagt Renate Krist. Sie wohnt in einem Fachwerkhaus, das schon vielen Generationen ein Zuhause war. Alles ist einfach. Viel bleibt zu tun, bevor neue Dielen verlegt sind und die Elektrik modernisiert ist. Doch Krist scheint zufrieden.

Die Kinder sind ihr Glück

Sie bewohnt im Erdgeschoss zwei Stuben mit Küche beim Sohn – er ist Single, von Beruf Feinmechaniker. „Das ist eine gute Lösung für mich. So bin ich nicht allein, und das Leben ist einfacher.“ Die Herberge beim Sohn ist exakt der Pluspunkt, der Renate Krist davor bewahrt, Sozialleistungen beziehen zu müssen.

Sie selbst freilich rechnet das Leben so nicht auf. „Meine drei Kinder, heute alle um die 40 Jahre alt, sind mein ganzes Glück“, sagt sie. Wenn der Sohn morgens den Kopf zur Tür reinsteckt und fragt: „Alles klar, Mutti?“, bekommt der Tag einen Sinn. Auch mit dem in Köln lebenden Sohn telefoniere sie regelmäßig. Sie holt Fotos hervor und betrachtet die Bilder vergangener Zeit. Tränen werden verschämt weggewischt.

„Ich bin nicht arm. Ich habe täglich Essen auf dem Tisch, habe ein Zuhause“, sagt sie und versucht ihrer Stimme Festigkeit zu geben. 147 Euro zahlt Vater Staat der Frau, die drei Kinder aufgezogen hat, deren Mann sich von ihr trennte, als der Nachwuchs im Teenageralter war. „Er hatte eine Andere. Ich wollte das nicht mehr dulden. Heute zahlt er mir 400 Euro monatlich dazu.“ Sie habe als Reinigungskraft gearbeitet – mit teils vier Putzstellen täglich, 30 Jahre lang, doch ohne kranken- oder rentenversichert zu sein.

1945 geboren, kam Renate Krist als Kind mit den Eltern ins Modautal, arbeitete nach der Schule auf einem Bauernhof, um abends mit „zwei Eiern und Obst“ nach Hause zu gehen, wo die Mutter daraus Abendbrot für die drei Geschwister zubereitete. „Mein Vater starb früh, meine Mutter hat uns mit 60 Mark im Monat durchgebracht“, erzählt sie.

Renate Krist machte eine Schneiderlehre, heiratete, als sie 19 war. Gedanken, dass die Ehe einmal nicht mehr bestehen könnte, hatte sie lange nicht. „Ich war Hausfrau, Mutter und habe mitverdient. Man musste halt sparen, sparen, sparen“, sagt sie.
Kreissozialdezernentin Rosemarie Lück (SPD) postulierte kürzlich: „Armut heißt, dass viele Dinge keine Normalität haben.“ Für Renate Krist ist es normal, Wünsche erst gar nicht zu hegen. Urlaub im Ausland habe sie nie gemacht. Das Mobiliar der Wohnstube ist 40 Jahre alt, der Wintermantel wird seit 15 Jahren ausgebürstet und immer wieder getragen. „Ich brauch nichts Neues. Ich hab meine Kinder. Damit bin ich reich beschenkt“, sagt sie. (lot.)

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