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Gernsheim Bürger machen gegen Erweiterung von Tanklager mobil

Im Gernsheimer Hafen will die Firma Solvadis mehr brennbare und giftige Stoffe lagern. Anwohner wehren sich gegen das Vorhaben - einigen ist ein Störfall noch gut in Erinnerung.

BI Tanklager Gernsheim
Blick aus dem Fenster in der Mainzer Straße: das Tanklager der Firma Solvadis in Gernsheim. Foto: Sophie Schüler

Der Störfall 1994 – als der Blitz in einen Chemietank am Gernsheimer Hafen einschlug, den zwölf Meter durchmessenden Stahldeckel wegschleuderte und der Behälter rotglühend abbrannte – ist den Einwohnern noch gut in Erinnerung. „Ich wohnte direkt gegenüber“, sagt Julia Schüler. „Wir schauten aus dem Küchenfenster auf die Flammen und wussten nicht, ob das Ding explodieren würde.“ 

Was da brannte, war Methanol – unlöschbar. Es lagert vermutlich auch heute in den riesigen Tanks der Firma Solvadis Distribution. So genau wissen das die Anwohner nicht, deren mehr als hundert Jahre alte Wohnhäuser in nur 35 Metern Abstand auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen. Immer wieder komme es zu Geruchsbelästigungen. Einmal sei es einem Anwohner schwindelig geworden.

Erst vor wenigen Wochen kam es in der benachbarten Malzfabrik, wo Getreide lagert, durch Verpuffung zu einem Brand. „Man muss auch an den Dominoeffekt denken“, sagt Ute Simon-Nadler. Sie und Schüler gehören zur Bürgerinitiative (BI) „Bürger in Acht!“, die sich gegen den geplanten Ausbau des Tanklagers von Solvadis wehrt. 

Der Vermarkter von Basis- und Spezialchemikalien mit Sitz in Frankfurt will sein Tanklager um fünf weitere 22 Meter hohe Tanks mit einem Fassungsvermögen von insgesamt 12.500 Kubikmeter vergrößern. Laut Genehmigungsantrag sollen auf dem Betriebsgelände auch künftig „sehr giftige und hochentzündliche Stoffe“ gelagert werden. Es handle sich lediglich um eine Kapazitätserweiterung.

Für die Anwohner ist die Vergrößerung um fast 70 Prozent unzumutbar, wie sie sagen und was sie auch auf Plakaten kundtun. Zwar gebe es das Lager schon seit 1954, doch zunächst sei dort Heizöl gelagert worden. Das Risiko sei ihnen erst Anfang 2017 bewusst geworden, als sie von den Ausbauplänen erfuhren. „Die Erweiterung, das ist der Knackpunkt, dagegen sind wir“, sagt BI-Sprecher Andreas Schüler.

Besonders brisant: Direkt neben Solvadis baut derzeit die Gernsheimer Hafenbetriebsgesellschaft den Hafen um. Es entsteht ein Gefahrgut-Lagerbecken für Container, die per Schiff über den Rhein angeliefert werden. Auch von dieser Seite wird das Solvadis-Projekt kritisch beäugt, wie aus dem Rathaus zu erfahren ist. Laut Bürgermeister Peter Burger (CDU) fehlte im Genehmigungsantrag nicht nur eine genaue Stoffliste, auch das Brandschutzkonzept sieht er kritisch: „Solvadis will aus dem städtischen Netz Wasser entnehmen.“

Dieses sei dafür gar nicht geeignet, und für Löschwasser aus dem Rhein müssten Pumpanlagen gebaut werden. Beim Kreis Groß-Gerau gibt es hinsichtlich der Löschmöglichkeiten im Störfall aber offenbar keine Bedenken. Es existiere ein Sicherheitskonzept, das mit der Gefahrenabwehr des Kreises und dem Regierungspräsidium (RP) Darmstadt abgestimmt sei, teilte die Pressestelle mit. Danach existiere auch ein Tankbelegungsplan, so dass die Feuerwehr wisse, wie zu löschen sei. 

Bürgermeister Burger moniert indes – genau wie die BI – dass das RP als Genehmigungsbehörde bisher keine Umweltverträglichkeitsprüfung gefordert habe. Die Stadt hat nun beschlossen, eine umweltrechtliche Prüfung des Antrags der Firma durch einen Fachanwalt in Auftrag zu geben. 

Dass der Sicherheitsbericht zunächst fehlte und im zweiten Anlauf unvollständig war, bemängelte auch Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne), an die sich der SPD-Landtagsabgeordnete und Direktkandidat des Kreises Groß-Gerau, Gerald Kummer, wandte. Allerdings geht die Ministerin davon aus, dass „keine Veränderungen hinsichtlich des angemessenen Sicherheitsabstands bezüglich der bereits betroffenen Schutzobjekte“ und „nach derzeitiger Beurteilung keine erheblichen nachteiligen Auswirkungen durch das Vorhaben zu erwarten sind“, wie es in ihrem Antwortschreiben heißt. 

Seit der ersten Offenlegung gab es mehr als 300 Einwendungen. Derzeit wartet das RP auf die überarbeiteten Antragsunterlagen, wie die dortige Pressestelle bestätigte. Doch bis es möglicherweise zu einer Genehmigung kommt, will die BI nicht untätig bleiben. Derzeit sammelt sie Unterschriften und plant eine Petition im Landtag. 600 Stimmen hat sie bereits. Zudem hat eine Bürgerin Akteneinsicht beantragt.

Die Idee: Vielleicht gab es bei früheren Genehmigungen, die nach Inkrafttreten der Seveso-Richtlinie 1996 erteilt wurden, schon Ungereimtheiten. Das RP entsprach diesem Ansinnen. Jedoch habe Solvadis dagegen Klage eingereicht, so das RP. Von Solvadis war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu bekommen.

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