Lade Inhalte...

Wilderer im Taunus Jagdzüge, Morde und ein Dorf in Angst

Als Köppern noch „Wilddiebshausen“ war: Zwanzig Jahre lang trieben Vater und Sohn Mieger ihr Unwesen. Dabei blieb auch mancher Förster auf der Strecke.

Skrupellos: Johann Mieger und sein Sohn ??????Wilhelm töteten Mensch und Tier. Foto: privat

Nach dem Mord bleibt kein Stein auf dem anderen. Kriminalpolizisten aus Frankfurt beziehen Quartier im benachbarten Friedrichsdorf, laden die Dorfbewohner Köpperns zum Verhör, durchsuchen die Häuser verdächtiger Personen. Gärten werden umgegraben, Bretter weggerissen. 50 Gewehre und ein Maschinengewehr werden gefunden. Jemand überpinselt das Ortsschild und schreibt „Wilddiebshausen“.

Der Tod von Wildhüter Ernst Hofmann markiert zugleich das Ende einer zwanzigjährigen Wilderer-Karriere, die von beispielloser Brutalität geprägt ist. Hofmanns Mörder, Johann Wilhelm Mieger, geboren 1882 in Schmitten, betrieb neben seinem Weißbindergeschäft einen schwunghaften Wildhandel mit Abnehmern in Frankfurt und dem vorderen Taunusgebiet. Zu Miegers Leben und Taten hat der ehemalige Berufsjäger Dieter Kromschröder seit den 1960er Jahren recherchiert – sein Buch „Tod im dunklen Tann. Wilderermordfall Mieger“ ist gespickt mit Dokumentarfotos und stützt sich auf Gerichtsakten, Vernehmungsprotokolle und Aussagen von Zeitzeugen.

Der 70-jährige Autor kennt die bewilderten Reviere, hat lange im Taunus für verschiedene Jagdpächter gearbeitet. „Ich wollte alles wissen.“ Was wurde aus dem Mieger-Sohn Wilhelm, der seinem Vater nicht von der Seite wich und nach Verurteilung und Zuchthaus mit der SS-Sondereinheit Dirlewanger in den Krieg zog?

Kromschröder hat ihn 1969 in Frankfurt-Griesheim aufgespürt, wo er mit seiner zweiten Frau einen Laden betrieb. Im kommenden Jahr soll eine erweiterte Neuausgabe des Buches erscheinen. Seltene Fotos werden darin ebenso publiziert wie neue Forschungsergebnisse zum Umfeld der Miegerschen Jagdzüge.

Seit der Hinrichtung von Johann Mieger am 15. Juli 1938 im Gefängnis Preungesheim sind unzählige Presse- und Zeitschriftenartikel zum Thema erschienen. In dem mittlerweile vergriffenen Buch „Anatomie einer Wilderei“ von Wilfried Helfenbein ist der Gedenkstein für den Königlichen Forstmeister Birkenauer abgebildet. Am letzten Oktobertag 1917 wurde er im Wald bei Obernhain erschossen und in einer Futterraufe versteckt. Erst zwanzig Jahre später konnte Mieger die Untat nachgewiesen werden. In der Verhandlung vor dem Schwurgericht Frankfurt wird das Schreckensregiment der Köpperner Wilderer öffentlich gemacht. Erstmals melden sich Einwohner zu Wort, ehemalige Mitstreiter – ein Netzwerk des Verbrechens, gespannt bis in die Dörfer des Hintertaunus.

„Damals wurde im gesamten Taunus gewildert“, sagt August Will vom Geschichtskreis „Lebendiges Köppern“. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg habe Arbeitslosigkeit und Armut geherrscht, erlegtes Wild den Familien zur Selbstversorgung gedient. Johann Mieger schrieb während des Krieges an seine Frau: „Im Wald läuft so viel Fleisch herum, das der Herrgott auf die Welt gesetzt hat, und wer es sich holt, dem gehört es.“ Daran hielt sich der „Alte im feldgrauen Mantel“ zeitlebens.

Nächtliche Raubzüge führen ihn und seine Begleiter bis nach Maibach und Kransberg, zum Winterstein und in die Wetterau. Wer die Übergriffe verhindern will, wird bedroht oder angegriffen. Kromschröder: „Der alte Mieger war eiskalt.“

Angst lähmt vielen die Zunge. Einem Mitbürger schießt Mieger im Wald bei Köppern durch die Hand, verschiedene Förster entgehen nur knapp ihrer Ermordung. 1919 wird nahe des Heimatortes der Friedrichsthaler Ortsvorsteher Philipp Odenweller hinterrücks erschossen und in einem Bergwerksschacht versenkt – eine Tat, die bis heute nicht aufgeklärt ist. Die Massakrierung des kriegsversehrten Hofmann im April 1937 setzt dem Treiben von Vater und Sohn Mieger ein Ende.

In einem weiteren Prozess wurden die Hehler und Abnehmer des Wildbrets angeklagt. Namhafte Hotels in Frankfurt und Bad Homburg gehörten dazu. Mit den Einnahmen kaufte sich Mieger zwei Grundstücke am Rande Köpperns. Dort, im Dillinger Feld, entstanden zwei Häuser mit Schlupfwinkeln und Verstecken. In unmittelbarer Nachbarschaft wohnte der Köpperner Förster, ein untadeliger Beamter preußischen Formats. Gegen das Wildern schritt er nicht ein. Strafversetzt, hat er sich im neuen Revier umgehend erschossen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen