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Weihersgrund bei Neu-Anspach Ungarische Hirsche und Geheimagenten

Wie der Weihersgrund bei Neu-Anspach zum Schauplatz der Geschichte wird - und was die Auto-Familie Opel damit zu tun hat.

Ansicht kurz nach Vollendung des Bauwerks. Foto: Archiv Neu-Anspach

Vor 100 Jahren erstreckte sich das Anspacher Jagdrevier vom heutigen Hessenpark bis hinauf zum Sandplacken – 1800 Hektar mit einem beispiellosen Rotwildbestand. Kein Wunder, dass der vermögende Fritz Opel 1909 die Gelegenheit beim Schopfe packte und die Jagd für 9600 Mark ersteigerte. Drei Jahre später errichtete der viertälteste Sohn von Adam Opel im Weihersgrund eine Jagdvilla – ohne zu ahnen, wie stark die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in diesem abgelegenen Teil des Taunus nachhallen sollte.

Fritz Opel, der die Erhebung in den Adelsstand verweigert hatte, gab sich hier ganz seiner Passion hin. Noch heute gilt er in Anspacher Jagdkreisen als großer Heger – der Abschuss war ihm weniger wichtig. Ungarische Hirsche ließ der erfolgreiche Radsportler zwecks „Blutauffrischung“ eingliedern, ein Zaun umgatterte das Revier bis in die 1940er Jahre. Die Schäden am Baumbestand sollen immens gewesen sein. Jagdbetreuer Albert Becker erinnert sich an die Wintermonate, in denen das „Hirschheu“ angeliefert werden musste: „Wenn wir die Tore passiert hatten, liefen die Hirsche hinter unserem Heuwagen her.“

Die Opels bewohnten die neoklassizistische Burg-Villa während der Sommermonate und zur herbstlichen Jagdsaison. Adresse: „Jagdhaus Fritz Opel Anspach i.T.“, so ein Briefkopf. Selten wurden Gäste eingeladen, meistens besuchten nahe Verwandte das von einem Park umgebene Anwesen. Wie Zeitzeugen berichten, war ein US-Bürger mit Namen von Bentheim mehrfach zwischen 1928 und 1933 zu Gast – in jenen Jahren begann General Motors mit dem Ankauf von Opel-Aktien.

Zu jener Zeit befand sich das Areal noch im Besitz der Gemeinde Anspach, Fritz Opel war Pächter bis zu seinem Tode 1938. Auf die Barzahlung von Pacht und Wildschaden wollten die Anspacher gerne verzichten – und Opel im Gegenzug verpflichten, seinen zweiten Wohnsitz im Dorf anzumelden. Ein entsprechend vorbereiteter Vertrag befindet sich im örtlichen Archiv. Während der Weltwirtschaftskrise hat der Unternehmer die Gemeinde hin und wieder finanziell unterstützt.

Jagdaufseher Christian Jäger organisierte das Forst- und Hauswesen. Um die vielfältigen Aufgaben erledigen zu können, stand ihm ein eigenes Zimmer zur Verfügung. Seine Tochter, die spätere Frau des Bürgermeisters Selzer, war noch Anfang der 90er Jahre im Besitz aller Hausschlüssel. Sie wusste von Rosenbeeten, einem Tennisplatz und der dunklen Standuhr, deren Ticken im ganzen Haus zu hören war. 1935 sollen hier erstmals Einbrecher zugange gewesen sein.

Martha Opel, seit einem Jahr Witwe, kaufte im Oktober 1939 das Grundstück samt Gebäude für 75?000 Reichsmark. Die Jagd überließ sie ihrem Neffen Georg von Opel, der später den nahe gelegenen Opel-Zoo begründete. Durch den Ankauf etlicher Wiesen im Aubachtal war die Unternehmerfamilie zum größten Grundstücksbesitzer der Kommune geworden. Nach Angaben von Dorfbewohnern sollen im Zweiten Weltkrieg erholungsbedürftige Wehrmachtsoffiziere einquartiert gewesen sein.

Nach 1945 beginnt der Niedergang des prächtigen, turmbewehrten Gebäudes. Die Revierzäune verfallen, US-Streitkräfte beschlagnahmen das Gelände am 24. August 1946. In das Haus ziehen, so die Recherchen von Lokalhistoriker Manfred Kopp, auf Anordnung der in Oberursel stationierten US Military Intelligence Group ehemalige deutsche Offiziere der Aufklärungseinheit „Fremde Heere Ost“. Hier sollen Agenten auf Einsätze in der Ostzone vorbereitet werden. Der von den Russen gesuchte Dolmetscher Gustav Hilger, ehemals Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau, wird in der Opel-Villa unter falschem Namen versteckt gehalten.

Im Besitz der Jagdhoheit, schießen Soldaten mit Maschinenpistolen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. „Die haben hier alles niedergemacht“, so Albert Becker. Vier Jahre später sind von dem einst blühenden Rotwildbestand nur noch 20 Tiere übrig. Die Amerikaner verlassen den Anspacher Wald, nehmen die Geweihsammlung als Souvenirs mit. Von nun an wird die Villa nicht mehr regelmäßig bewohnt. Ein Anpacher Ehepaar soll nach dem Rechten sehen, kann aber die einsetzenden Plünderungen nicht verhindern. Bei Einbrüchen werden Heizkörper und Waschbecken ausgebaut, sogar die grünen Kacheln mitgenommen. Fenster verschwinden genauso wie Möbel und Öfen.

1947 endet die Jagdpacht der Opels im Anspacher Wald – als neue Pächter treten zwei Schweizer auf den Plan. Park und Haus sind aber noch heute im Besitz der Familie: Georg von Opel ist als Eigentümer im Grundbuch vermerkt.

In dem verwildernden Park wird zu Beginn der 50er Jahre eine Holzhütte für die deutsche Flugkapitänin und NS-Berühmtheit Hanna Reitsch errichtet. Die zierliche Frau war zuvor im Oberurseler Camp King interniert und lebt nun unter einem Decknamen im Anspacher Wald. Sie schreibt ihre Erinnerungen nieder, legt Blumenbeete an und lässt eine finnische Sauna neben dem ehemaligen Swimmingpool aufstellen.

Hans Wörister, der von 1968 an als Holzfäller in dem Gebiet arbeitet, hat Reitsch kurz vor ihrem Tod mehrmals getroffen – eine gute Bekanntschaft entwickelt sich. Für ihre sporadischen Aufenthalte habe er das Brennholz vorbereitet. Von 1979 bis 1985 bewohnt der Österreicher – „es war ihr letzter Wille“ – die alte Hütte. „Damals hat die Polizei dort öfters kontrolliert.“ Jugendliche versammeln sich fortan an dem verwunschenen Ort, wärmen sich an Lagerfeuern, geben sich der morbiden Stimmung hin. Die Villa, nun offen für jedermann, ist der Natur und dem Mutwillen preisgegeben.

Obwohl es nichts mehr zu schützen gibt, werden die Türen und Fenstern des maroden Bauwerks zugemauert. Der Weihersgrund wird zum Naturschutzgebiet erklärt. Längst haben die Opels das Interesse an einer Erhaltung verloren. Auch die Gemeinde Neu-Anspach will sich die abgelegene Immobilie nicht aufbürden – Diskussionen über eine geeignete Nutzung ersterben schnell.

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