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Wehrheim Das Ende des Taunus-Kinderheims

Der Hochtaunuskreis verfügt den Abbruch des traditionsreichen Schulstandortes. Der Vorhang fällt für das Taunus-Kinderheim. Leerstand, Verfall, Verschwendung – ein Lehrstück lokaler Immobilienpolitik.

Dem Verfall preisgegeben: ehemaliges Taunus-Kinderheim in der Wehrheimer Saalburgsiedlung. Foto: Martin Weis

Wenn in diesen Tagen die Vorbereitungen zum Abbruch des ehemaligen Taunus-Kinderheims beginnen, schließt nicht nur ein Kapitel regionaler Sozialhistorie. Es endet auch ein Lehrstück zu den Themen Wertevernichtung, Steuergeldverschwendung, Einfallslosigkeit und Geschichtseliminierung.

Noch erhebt sich am östlichen Ortsrand von Wehrheim das mit der Adresse Köpperner Straße 115 versehene, prägnante Bauwerk. Drei Geschosse mit Balkonen, gekrönt von Türmen und Erkern, Fachwerk, Mauerstein, Holzschindeln. In Kürze soll niedergerissen werden, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts als repräsentative Hotelanlage „Zum Waldfrieden“ aufgebaut wurde. Die Kreisverwaltung in Bad Homburg hat eine Entscheidung gefällt, die mit Blick auf den Gebäudezustand folgerichtig genannt werden kann. Verfall herrscht allseits, das Innere der einst namhaften und im weiten Umland bekannten Schuleinrichtung ist verheert bis in den letzten Winkel.

Verantworten müssen den Niedergang indes die zuständigen Herrschaften im Landratsamt. 2002 hat der Hochtaunuskreis die am Waldrand gelegene Liegenschaft in Erbpacht von der Waisenhausstiftung aus Frankfurt übernommen. Auf dem Eckgrundstück mit ausgreifendem, teils baumbestandenem Flächenangebot sollte eine zeitgemäße Einrichtung für Lern- und Erziehungshilfe installiert werden. Eine neue Bildungspolitik machte diese Pläne dann aber hinfällig.

Spur der Verwüstung

Seitdem herrschen Leerstand und Vernachlässigung. Erst drei Jahre nach Übernahme hat der Kreis dem Gebäude „Sicherungsmaßnahmen“ gewährt. Längst aber hatten sich Diebe, Vandalen und Sprayer breit gemacht. Die Spur der Verwüstung lässt sich bis in unsere Tage verfolgen. Von Sorgfalt des Pächters oder gar Pflicht zum Bestandserhalt war in den 15 Jahren seither keine Rede. Unter Obhut des Kreises verkam das traditionsreiche Anwesen zum Spekulationsobjekt.

Innerhalb von vier Wochen soll das Grundstück nun geräumt werden: Neben dem ortsbildprägenden Hotel- und Kinderheimbau lässt das Landratsamt auch die Schulpavillons, Garagen und Werkstätten verschwinden. 240.000 Euro sind veranschlagt für das Abbruchvorhaben. Nicht erwähnt werden in der Pressemitteilung zum Thema jene 40.000 Euro, die als jährliche Pacht an die Frankfurter Stiftung überwiesen werden, Steuergeld, das ohne Ziel und Zweck verschwendet ist.

Friedliche, nur wenige Stunden währende Besetzung

Ideen zur Nutzung des alten Taunus-Kinderheims blieben Schimären, gehörten zu einer Hinhaltetaktik, mit Einfallslosigkeit getarnt. Bezeichnend ist, dass ein jugendlicher Protest kurz vor Weihnachten 2011 die einzige aufrichtige Geste in dem unwürdigen Bubenstück war: Die friedliche, nur wenige Stunden währende Besetzung machte damals auf Leerstand und Wohnungsnot aufmerksam. Auch die Gemeinde Wehrheim verharrte in jahrelanger Schockstarre, auf das Signal zum Abriss wartend.

Seine historische Bedeutung als beliebter Aufenthaltsort des jüdischen Frankfurter Bürgertums und Sitz eines angesehenen Bildungsträgers der Nachkriegszeit hat dem Haus Waldfrieden nichts genutzt. Mit der Abbruchverfügung wird auch das architektonisch reizvolle Ensemble aus Waldhotel, Bahnhof Saalburg und Lochmühle in seiner aufeinander abgestimmten Kombination vom Erdboden getilgt. Die Kreisspitze, gerne auf ihr Geschichts- und Bildungsbewusstsein pochend, hat all dies offenbar nicht interessiert.

Kreis will Gelände wohl verkaufen

Wie zu vernehmen ist, will der Kreis das Areal ankaufen. Angeblich soll dort eine Dependance des Evangelischen Vereins für Innere Mission entstehen. Angeblich. Viel wahrscheinlicher ist die Realisierung der zweiten kursierenden Idee. „Wohnbebauung“ meint hier die Schaffung eines weiteren Wohlstandsghettos für neureiche Hochverdiener.

Vor dem Hintergrund der Wehrheimer Vorgänge sind Sorgen um das weitere Schicksal zweier Baudenkmäler in Kreishand angebracht: Sowohl das ehemalige Goldschmidt-Sanatorium in Bad Homburg als auch der Prinzenpalais in Usingen sind derzeit dem Verfall geweiht. Auch dort regieren Stagnation und Tatenlosigkeit.

Einstweilen sollen Floskeln trösten. Gemeinsam mit Wehrheim und der Waisenhausstiftung werde man, so lässt die Kreisverwaltung ausrichten, mögliche Entwicklungsmaßnahmen auf dem Kinderheim-Gelände prüfen. Und: „Der Kreis geht davon aus, dass eine gute Lösung für alle Beteiligten gefunden werden kann.“

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