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Verbrechen vor 100 Jahren Der Mord an der Futterraufe

Vor 100 Jahren wird der preußische Forstmeister Wilhelm Birckenauer im Taunus erschossen. Hundert Jahre sind mittlerweile seit dem Mord im Taunusforst vergangen und noch immer ist die Geschichte lebendig, halten sich Gerüchte und Legenden hartnäckig.

Mord an der Futterraufe
Kriminalbeamte am Tatort: die Obernhainer Futterraufe im Prozessjahr 1937. Foto: Archiv Kromschröder

A m 31. Oktober 1917 ist im Taunus bereits Schnee gefallen. Mit frostiger Luft hat der Winter früh Einzug gehalten. Im Wald von Obernhain arbeiten zur Nachmittagsstunde noch einige Hauleute im Gemarkungsteil Schmidtborn. Die Dämmerung wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Gerade hat der preußische Forstmeister Wilhelm Birckenauer von seinen Waldarbeitern Abschied genommen, um noch einen Gang durchs Revier zu machen. Der 62-jährige Amtsleiter der Oberförsterei Usingen schlägt den Pfad zur großen Wildfutterraufe ein - von wo der Beamte nicht mehr zurückkehren wird.

Hundert Jahre sind mittlerweile seit dem Mord im Taunusforst vergangen und noch immer ist die Geschichte unterm Limeskamm lebendig, halten sich Gerüchte und Legenden hartnäckig. Oberhalb von Obernhain und Hessenpark erinnert ein Gedenkstein an das unselige Geschehen, der Geschichtsverein von Wehrheim hat zur Jahresmitte eine stark frequentierte Themenwanderung organisiert, die Namen von Opfern und Tätern sind in Bevölkerungskreisen unvergessen. Es ist eines jener Jahrhundertereignisse, deren archaische Wucht fortwirkt und in denen sich blitzartig ganze Epochen spiegeln.

Mit dem Ausglühen des Ersten Weltkriegs sind Knappheit und Hunger auch im Frankfurter Umland angekommen. Die ehemaligen Soldaten bringen ihre Gewehre von den Schlachtfeldern mit nach Hause. Das Wild steht im Wald. Jagdrecht üben vermögende Jagdherren aus. Bürger dürfen nur mit Ausnahmegenehmigungen ins Revier.

Eine Zeit der Wilderei beginnt

Manche brechen althergebrachtes Recht, dürfen sich dabei der Unterstützung ihrer Standesgenossen sicher sein. Es beginnt eine Zeit der Wilderei, in der Schützen und Abnehmer schnell zusammenfinden, ein Netz von Abhängigkeiten entsteht. Das gesamte Hochtaunusgebiet ist von illegalen Machenschaften durchädert, Familien aus Köppern, Schmitten, Friedrichsthal und anderen Ortschaften liefern Rehgulasch und Hirschbraten an Nachbarn und Gastronomen. Namhafte Hotels in Frankfurt und Bad Homburg gehören zum Kundenkreis.

So die Situation, die Gemengelage, als der hochdekorierte Förster Birckenauer am letzten Oktobertag 1917 die Obernhainer Futterraufe erreicht. Er gilt als Vertrauter von Wilhelm II., hat maßgeblich beim Wiederaufbau des Römerkastells Saalburg gewirkt und dafür einen Orden erhalten. Ihm ist es auch zu verdanken, dass anlässlich des „Gordon Bennet-Rennens“ von 1904 die „Kaiserschneise“ zwischen Bahnhof Saalburg und herrschaftlicher Tribüne rechtzeitig freigehauen und fertiggestellt wird. Gesellschaftlich ist der Usinger Forstmeister zudem mit den Fabrikanten Mouson und Opel verbunden.

Verdienste und Ansehen spielen jedoch keine Rolle, als Birckenauer auf jenen Wilderer trifft, der ihm im abnehmenden Oktoberlicht eine volle Schrotladung in die Brust schießt. Während der Obduktion werden 19 Einschläge gezählt, getroffen sind Herz und Lunge.

Noch am Abend wird eine Suchaktion anberaumt, die zu keinem Ergebnis führt und anderntags fortgesetzt werden muss. Am Donnerstagmorgen durchkämmen Schüler und Dorfbewohner die Waldung, gegen 11 Uhr entdeckt der Obernhainer Hegemeister Diehl die in der Raufe verborgene und mit Heu abgedeckte Leiche.

In dem nun in zweiter Auflage erschienenen Buch „Tod im dunklen Tann“ verknüpft der ehemalige Berufsjäger Dieter Kromschröder das Schicksal des Forstmeisters mit der Wildererkarriere des aus Schmitten stammenden und in Köppern als Weißbinder lebenden Johann Mieger. Dieser stets gewaltbereite und im weiten Umkreis als „der Alte im feldgrauen Mantel“ gefürchtete Serientäter wird erst zwei Jahrzehnte nach der Mordtat gerichtlich zur Rechenschaft gezogen.

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