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Schmitten Stolpersteine ängstigen Anwohner

Drei Gedenksteine wecken in Schmitten die Angst vor Neonazi-Übergriffen. Eine Schülergruppe hat die Aktion initiiert. Von Jonathan Vorrath

13.10.2009 00:10
Jonathan Vorrath

Eine laut diskutierende Menschentraube versammelte sich am Montagmittag vor dem Haus Seelenberger Straße 10 in Schmitten. "Ich habe Angst um mein Haus und die Gesundheit von meiner Familie und mir", rief eine Anwohnerin in die Menge. Was zur Demonstration geriet, sollte eigentlich eine friedliche Aktion für eine gute Sache werden. Sie lief aus dem Ruder.

Eine Schülergruppe hatte sich im Unterricht mit dem Schicksal der Schmittener Juden in der Nazizeit befasst. Gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde Arnoldshain sammelte sie Geld, damit der Kölner Künstler Gunter Demnig am Montag drei Stolpersteine in den Bürgersteig der Seelenberger Straße einlassen konnte. Die messingglänzenden Steine erinnern an die Familie Strauss. Der jüdische Hotelbetreiber Wilhelm Strauss (59), seine Frau Hanna (42) und Sohn Max (18) wurden hier 1942 vom NS-Regime enteignet, nach Auschwitz deportiert und umgebracht.

Als die heutigen Bewohner und die Besitzer des Anwesens vom Stolperstein-Projekt erfuhren, übten sie Protest. "Das ist eine tolle Aktion, aber sie wurde uns gegenüber schlecht kommuniziert. Und wir haben einfach Angst vor rechtsradikalen Übergriffen", erklärten die Hauseigentümer gestern vor Ort. Bürgermeister Marcus Kinkel (FWG) kann die Ängste nicht nachvollziehen: "Es liegen 20500 Steine in ganz Europa und es ist noch nie zu Attacken auf die Häuser gekommen, vor denen sie liegen". Gunter Demnig bestätigte: "Wenn es überhaupt zu Vandalismus kommt, dann richtet sich dieser immer gegen die Steine selbst. Sie werden rausgerissen, beschmiert oder es wird auf ihnen herumgetrampelt."

Gestern kam es "nur" zu Diskussionen und wiederholten Zwischenrufen der Hauseigentümer, die durch ihren Anwalt unterstützt wurden. Im Vorfeld hatten die 17-jährige Projekt-Sprecherin Alina Just und Pfarrer Wolfram Blödorn vergeblich versucht, den Konflikt zu entschärfen. "Ich wollte da keine Konfrontation", so Blödorn zur FR. Deshalb wollte er die Stolperstein-Verlegung verschieben. Doch ein anderer Termin war bei Gunter Demnig schwer zu bekommen: Der Künstler verlegt pro Monat an etwa 20 Orten Stolpersteine und ist bis Ende des Jahres ausgebucht. Außerdem hatte der Schmittener Gemeindevorstand bereits die Verlegung für Montag beschlossen. Der Bürgermeister: "Ich bin glücklich und stolz, dass jetzt auch Schmitten drei solche Gedenksteine hat." Gunter Demnig sagte: "Die Leute, die sich die Gravur der Steine durchlesen, müssen sich vor den Opfern verneigen. Ich finde das eine schöne Art, die Erinnerung wach zu halten."

Die Schmittener haben am 9. November noch einmal die Möglichkeit, über die Stolpersteine ausführlich zu diskutieren. Ab 20 Uhr spricht man im Pfarrheim der katholischen Kirchengemeinde St. Borromäus an der Dorfweiler Straße 2 über die Vertreibung der Familie Strauß. Pfarrer Blödorn steuert dann womöglich weitere Details bei. Am Montag noch reiste er in die USA. In New Jersey will er den überlebenden Norbert Strauß (82) zu seinen Schmittener Verwandten befragen. www.stolpersteine.com

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