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Rudelsingen in Oberursel Spaß beim Rudelsingen

Beim „Rudelsingen“ im Brauhaus nimmt Musiker Tom Jet die Gäste für sich ein. Das Erfolgsgeheimnis beim Rudelsingen: sich spontan finden, sich nie blamieren, mitsingen, alles riskieren.

Am besten mitgesungen haben die Männer beim Lied von Freddy Quinn. „Heimweh“ so der Titel, und stets heißt es darin: „Schön war die Zeit“. Das werden Mittwochabend am Ende alle Besucher des Alt-Oberurseler Brauhauses gesagt haben, denn das Rudelsingen begeisterte drei Stunden lang jeden, der sich animieren ließ. Rund 20 Lieder hatte Bühnenmann Tom Jet mitgebracht, von den langen „Kreuzberger Nächten“ (Gebrüder Blattschuss) über ein geschmettertes „Hossa“ (Rex Gildo) bis „I have a Dream“ (Abba). Das Erfolgsgeheimnis beim Rudelsingen: sich spontan finden, sich nie blamieren, mitsingen, alles riskieren.

Kein Chorleiter sagt „Einsatz hier“ oder „jetzt Ihr“ und geübt wird schon mal gar nicht. Wie Karaoke für alle, auch wenn es nicht der Lieblingssong ist und kein Publikum überzeugt werden soll. Das Singen kommt ohne spezielle Zutaten aus, aber es funktioniert. Wenn zum Chor die Zeit oder (vermeintlich) die Sangeskunst nicht reicht – beim Rudelsingen ist jeder Gast am richtigen Platz.

„Man ist erstaunt, was man so alles singt!“, sagt Uta Selle. Sie besucht zum zweiten Mal eine Veranstaltung.. „Musik verschiedenster Richtung, allein hätte ich manches nie probiert“, fügt Selle hinzu. Und die 73-jährige Bad Homburgerin ist überrascht: „Immer wieder höre ich großartige Stimmen heraus.“ Zum ersten Rudelsingen hatte die pensionierte Postbeamtin ihren Mann dabei. Dieses Mal fehlt der, „aber er ist wirklich entschuldigt“.

Männer brauchen ihre Zeit

Das mit dem Singen der Männer bedarf dann näherer Erläuterung. Zunächst Tom Jet, der eigentlich Thomas Seuttner heißt und aus Obertshausen kommt. Als Profimusiker leitet der Gitarrist auch eine Band. „70 Prozent der abendlichen Rudelsinger sind stets Frauen.“ Die „Brennbar“, der kleine Veranstaltungssaal im Biergarten des Brauhauses, ist mit rund 80 Besuchern überfüllt, und zu mindestens einem Drittel sind es Männer. Anfangs erfüllen glockenhelle Stimmen den Raum, bei Bob Dylans „Blowin‘ in the Wind“ bewegen dann die ersten Herren endlich ihre Lippen.

Zu „Wir lagen vor Madagaskar“ singen männliche Pioniere – nicht nur weil der auf die Leinwand projizierte Text deutsch war – vernehmlich mit, und die „Kreuzberger Nächte“ ließen die Brennbarwände dann maskulin erzittern. „Ich sitze schon seit Stunden ziemlich dumm / allein an meinem Kneipentisch herum“, heißt es im Song. Rudelsinger praktizieren das Gegenteil.

In Freddy Quinns „Wüstensand“ fühlen sich die Männer schon heimisch. Tom Jet sieht es ähnlich: „Die Frauen sind von Anfang an dabei. Männer brauchen ihre Zeit.“ Der Obertshausener setzt nur selten Halbplayback ein, gibt jedes Lied auf der Gitarre vor und spielt auch schwierige Stücke mit Leichtigkeit. Was ihm Freiraum gibt, sein Publikum immer wieder anzusprechen. „Wer ist besonders musikalisch?“, fragt er. Und kennt die typische Reaktion: Frauen zeigen auf ihre Gatten. Der Spaß funktioniert stets, und zwei Herren finden sich dann flugs an einer Triangel wieder.

Aber eigentlich bedarf dieses Rudelsingen, abgesehen vom Mann auf der Bühne, keiner ausgeklügelten Animation. Ohne Vorbereitung, ohne Vorkenntnisse und vermeintlich ohne sonderliches Talent gemeinsam loszusingen – meist, aber nicht immer richtig, aber immer schön – bringt Menschen zusammen und zu gemeinsamer Freude.

Beim letzten Lied, dem Hammer „Rockin‘ all over the World“ wäre es dann beinah passiert. Die Brennbar brennt, aus allen Kehlen schwingt und röhrt es. Die Ersten steigen auf die Stühle. Und die Männer, diese, die dann auch auf ihre Tische stiegen, hätten es fast abgeliefert: Das gekonnte Solo auf der Luftgitarre.

Das nächste Rudelsingen findet am 29. Juni um 20 Uhr im Alt-Oberurseler Brauhaus statt. Infos gibt es online: www.rudel-sing-sang.com.

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