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Porträt Jürgen Windecker Verrückt auf Turmuhren

Uhrmacher-Meister Jürgen Windecker restauriert mit Sohn und Praktikantin im eigenen Keller eine hundert Jahre alte Kirchturmuhr. Von Jürgen Streicher

Uhrmachermeister Jürgen Windecker ist und die 100 Jahre alte Turmuhr. Foto: FR/Oeser

"Verrückte Uhrmacher eben" nennt Vater Windecker das, was sein Sohn Jürgen mit seiner Praktikantin Vivien Reuter im Keller veranstaltet. Tage- und nächtelang. Um eine alte Kirchturmuhr zu restaurieren, die keine Kirche und kein Pfarrer mehr haben will. Liebhaberei eben - und ein erster Beitrag zum Hessentag 2011 in der Stadt des Handwerks. Dann soll das historische Gerät den Oberurselern und ihren Gästen zeigen, was die Uhr geschlagen hat. Und das immer noch ziemlich genau, kaum abweichend gegenüber elektronischen Uhren mit hochmoderner Technik.

In der Turmuhrenfabrik und Glockengießerei J. F. Weule in Bockenem im Ambergau ist das gute Stück im Jahr 1908 gefertigt worden. Rund 500 Kilogramm Stahl und Messing, auf 170 Zentimeter Höhe verteilt - ohne Zifferblatt und Zeiger. Nur das Uhrwerk, präzise Mechanik, die auch heute nur geringe altersbedingte Abnutzung zeigt. Lediglich ein gebrochenes Lager mussten Jürgen Windecker und Vivien Reuter ersetzen. Das war Millimeterarbeit mit Bohrmaschine, Stichel und Abstechmesser. Man muss schon genau hingucken, um den Unterschied zu den Originalbauteilen zu erkennen.

Uhrmachermeister Jürgen Windecker hat einen Blick für solche Kleinode der Uhrmacherkunst. Er ist auch ausgebildeter Uhrenrestaurator und bewegt sich dadurch in einer kleinen Szene, in der man sich kennt. "Verrückte Uhrmacher eben", würde Vater Windecker sagen, Geschäftsführer des Familienbetriebs in der Oberhöchstadter Straße. So kennt man den, der das Uhrwerk aus dem Frankfurter Kirchturm ausgebaut hat, und über das Turmuhrenmuseum im Hessenpark ist es in den Keller der heimischen Werkstatt gelangt.

Viel Dreckarbeit

Die Restaurierung: Dreckarbeit war das am Anfang hauptsächlich, wie Jürgen Windecker erzählt. Die Messingteile verharzt und verschmutzt, alle Stahlteile verrostet. Die Lager, Wellen und Zahnräder aus Messing, die jetzt goldglänzend daherkommen, waren fast so schwarz wie der dunkle Stahl. 250 Arbeitsstunden haben Windecker und die Schülerpraktikantin in das Projekt investiert. Auseinanderbauen und Einlegen der Einzelteile in verschiedene fettlösende Lösungen, Arbeiten mit Stahlbürste, Schleifpapier, Handpolierer, Rekonstruktion des Messinglagers für die Zeigerverreibung, Konservieren des Uhrwerks mit mikrokristallinem Wachs.

Wenn Oberursels Handwerker sich beim Hessentag 2011 einem Millionen-Publikum präsentieren, wird die Turmuhr von 1908 dabei sein. Als Zeugnis vergangener, aber auch aktueller Handwerkskunst. Danach wird ein Uhrenliebhaber gesucht, der dem Werk für die nächsten 100 Jahre eine neue Heimat bieten kann.

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