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Oberursel Mehr als nur Sprache

Die „Teachers on the road“ bringen Flüchtlingen Deutsch bei – und lernen selbst viel.

Irina (Mitte) und Esther (links) inmitten der Flüchtlinge. Es geht um Dativ und Akkusativ, aber auch um so viel mehr. Foto: Martin Weis

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„Wo bist du?“ „Im Deutsch-Kurs.“ Es ist Mittwochnachmittag, und Mohammad fällt dieser kurze Dialog leicht. Der 27-jährige Afghane ist seit 13 Monaten in Deutschland, die neue Sprache beherrscht er schon ziemlich gut. Gelernt hat er das Meiste beim Kurs im Bahnwärterhäuschen der Flüchtlingsfamilienhilfe. Mohammad und 14 andere Asylbewerber finden sich heute ein, und selbst die kurzzeitige Ratlosigkeit der Lehrer kann ihren Lernwillen nicht bremsen.
„Wo bist du?“ „Im Deutsch-Kurs.“ Diesen kurzen Dialog müsste es im Zusammenhang mit Flüchtlingen viel öfter geben. Doch oft haben sie keinen Zugang zu entsprechenden Angeboten. In Oberursel ist das dank des Projektes „Teachers on the road“ möglich. Es wurde 2013 gegründet, „mit dem Ziel, die Isolation der Flüchtlinge in ihren Unterkünften aufzubrechen und ihnen mehr gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen“.

„90 Minuten Alltag vergessen“

Das sagt Irina. Die 26-jährige Studentin aus Frankfurt, die wie ihre Mitstreiter nur mit Vornamen genannt werden will, ist eine von rund 25 ehrenamtlichen Lehrern, die derzeit in Oberursel Deutsch für Flüchtlinge unterrichten. Sie sagt auch: „Wir wollen durch unsere Kurse zu einem menschenwürdigen Leben beitragen. Und wenn es nur diese 90 Minuten sind, in denen die Menschen ihren Alltag vergessen können.“

Mehr als nur ein Deutsch-Kurs also? An diesem Mittwoch ist diese Frage eindeutig mit Ja zu beantworten. Das beginnt schon draußen vor der Tür. Mohammad kommt freudestrahlend aus der umstrittenen Unterkunft in der Karl-Hermann-Flach-Straße und umarmt Constanze, eine zweite Lehrerin, die hier alle Conni nennen. Er strahlt, redet mit ihr über vergangene gemeinsame Fußball- und Volleyball-Aktivitäten, gibt ihr ein T-Shirt zurück, dass sie ihm geliehen hat; beide lachen. „Wir haben hier durchaus auch Freunde gefunden“.

Das sagt nicht etwa Mohammad. Irina sagt es. „Auch wir können hier viel lernen von den Flüchtlingen“, ergänzt sie. „Das sind starke Menschen, sehr wissbegierig und neugierig.“ Und auch wir, so Conni, „haben dabei viel über andere Kulturen, Menschen und ihre Situation gelernt. Und über eritreisches Essen.“

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Zum Essen sind all die Menschen aber heute nicht hier. Menschen aus Eritrea, Afghanistan oder Äthiopien. Sie wohnen in Oberursel, Bad Homburg, Frankfurt oder Schmitten in Gemeinschaftsunterkünften; ihre Deutschkenntnisse sind ganz unterschiedlich. Sie eint vor allem ein Ziel: Die Sprache zu verbessern. Hier, im ehemaligen Bahnwärterhäuschen am Bahnhof, sind jetzt Irina, Conni und Esther dafür zuständig.

Bevor es soweit ist, wird erneut klar, dass es um mehr als nur den Spracherwerb geht. Zunächst weisen die drei Lehrerinnen auf eine Demo gegen die europäische Flüchtlingspolitik am Samstag in Frankfurt hin, danach geben sie Informationen über mögliche negative Änderungen im Asylbewerberleistungsgesetz. Ganz langsam und bedächtig, auch auf Englisch. Praktische Hilfe eben.

Dann aber geht es los. Mit Unterricht wie in der Schule hat das wenig zu tun. Es ist eine lockere Runde, in der sich direkt die ersten kleinen Gesprächskreise zusammenfinden, um die Inhalte der vergangenen Stunde noch einmal zu besprechen. „Mir“ oder „mich“, wann nutzt man welches Wort? Irina ist sofort da, erklärt ein bisschen, die Schüler nicken.

Dann stellen sich alle vor, und schon geht es ans Eingemachte. „Mit Dativ oder Akkusativ“, wie Mohammad anmerkt. Esther schreibt „wen oder was“ und „wohin“ auf die eine, „wem“ und „wo“ auf die andere Seite. Nun werden Fragen gestellt, Fragen wie „Mit wem redest du?“ oder „Wo bist du?“ Antwort: „Im Deutschkurs.“

Zeichensprache schon immer universell

Auf einem Arbeitsblatt – ein bisschen ist es eben doch wie in der Schule – müssen Artikel eingefügt und die richtigen Fragewörter gefunden werden. Den Satz „Ich gieße Wasser in eine Tasse“ (richtiges Fragewort: „Wohin“) erklärt Irina mit einer Tasse, in die sie Wasser gießt. Ihre Schüler verstehen. Zeichensprache war schon immer universell.

Genau so universell wie Unvollkommenheit. Als mehrere Flüchtlinge noch einmal genau wissen wollen, wann man „wem“ und wann man „wen“ benutzt, kommt die erste Antwort von Conni noch relativ schnell: „Nach allem, was mit Besitz zu tun hat, fragt man mit ‚wem‘.“ Ein, zwei Beispielsätze später ist das den meisten Anwesenden klar.

Aber wann genau nutzt man „wen“? Irina, Conni und Esther gucken sich an. Irina ist die erste, die den Mut findet, zu sagen: „Wir wissen es alle nicht.“ Es folgen noch ein, zwei Versuche, dann erkennt auch Esther: „So eine einfache Erklärung gibt es nicht.“ Sie lächelt dabei. Ihre Schüler auch. Es geht eben doch um mehr als nur die Sprache.

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