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Oberursel Gegenmodell unterm Backsteinturm

In der Krebsmühle wird seit 37 Jahren alternativ gearbeitet. Ihre wirtschaftlichen Standbeine sind Möbelhandel und -restaurierung. Die GmbH bietet 60 Menschen einen Arbeitsplatz.

In der Restaurationswerkstatt werden Möbelteile wieder in Form gebracht. Foto: Michael Schick

Gelb und Rot sind seit Kurzem die Farben der Krebsmühle. Eine moderne Anmutung habe man sich geben wollen, sagt Rainer Huthmann, der für die im Grenzgebiet zwischen Oberursel und Frankfurt beheimatete GmbH die Geschäfte führt. Die marginale Hinwendung an den Zeitgeschmack sollte aber nicht missverstanden werden: Noch immer ist der Geist des Anfangs unter dem markant-backsteinernen Mühlenturm lebendig, sind Horkheimer und Adorno unvergessene Gewährsleute.

Hier, wo Möbelhandel und -restaurierung die wirtschaftlichen Standbeine sind, gehört die Gratwanderung zum Alltag. „Das Umfeld ist weniger reglementiert“, so Huthmann, der eher Mannschaftsspieler als Firmenchef ist. Wenn von „Humanisierung der Arbeitswelt“ und „Identifikation mit dem eigenen Betrieb“ die Rede ist, werden keine inhaltslosen Begrifflichkeiten ins Feld geführt. Das „Gegenmodell“ zur herrschenden Wirtschaftspraxis war für Johannes Schoeppe „die Motivation“ sich nach jahrelanger Auszeit wieder einzubringen. Heute ist er zweiter Vorsitzender des Vereins „Hilfe zur Selbsthilfe“, dem Träger und Eigentümer des Krebsmühle-Komplexes.

Als Schoeppe im Jahre 1982 auf das Gelände am Urselbach kam, sah er ein Ensemble aus Ruinen und die Aktivisten der Arbeiterselbsthilfe aus Bonames. Die Frankfurter hatten die zur Brotfabrik umfunktionierte und dann still gelegte Mühle einige Jahre zuvor erworben, um ein unabhängiges, selbst organisiertes Dasein zu führen. Ein Ziel, das nur mit viel Geduld und noch mehr Arbeit zu erreichen war. Bis zu 100 Menschen lebten zeitweilig auf dem Areal, notwendige Einnahmen wurden durch Hausentrümpelungen und Möbelrenovierungen ermöglicht.

„Die Krebsmühle“, so Schoeppe, „war das größte Alternativmodell in Deutschland, ein Kristallisationsprojekt.“ In den Achtzigern fand im Oberurseler Außenbezirk eine „Gegenbuchmesse“ statt, die „Ökobank“ wurde hier aus der Taufe gehoben. – Eine reiche und wechselvolle Geschichte, die auf der Krebsmühle-Website nachgelesen werden kann.

Auch nach dem Ermatten der Alternativ-Szene war eine „Privatisierung“ des Anwesens kein Thema. „Durch die Vereinsgründung haben wir uns schließlich selbst enteignet“, sagt Huthmann. – Und das Vorzeigemodell zugleich für die Zukunft gerettet. Schoeppe: „Es musste sich etwas ändern – sonst wäre hier alles untergegangen.“ Im Jahre 2015 ist die Lage im Möbelverkauf schwierig: Die Nachfrage bei Vollholzmöbeln sei in der Ikea-Generation-Ära im Sinkflug, die Marktnische allzu klein.

Dafür laufen die Geschäfte in der „Holz-Klinik“ nebst Ablaugerei umso besser. Das Einzugsgebiet beträgt laut Huthmann bis zu 300 Kilometern, immerhin drei Sammelstellen sind hessenweit noch verfügbar. Möbel aus nachhaltiger Produktion und modern eingerichtete Werkstätten – Alleinstellungsmerkmale, die alleine noch keine Zukunftssicherung bieten. Als weiteres Standbein dürfen mittlerweile die Vermietungen angesehen werden. In dem weiträumigen Mühlenhof mit seinen vielen Gebäuden ist versammelt, was ins Konzept passt: Im Turm residieren die Macher der Zeitung – „ein Medium für kritische Geister“ – „Publik-Forum“, seit drei Jahrzehnten ist das Umweltlabor „Arguk“ vor Ort, Hunde können ebenso therapiert werden wie ihre Herrchen. „Ein Arbeitsplatz für mehr als 60 Leute“, so Schoeppe zur aktuellen Situation.

Derweil widmet sich der Trägerverein „Hilfe zur Selbsthilfe“ den kulturellen Aspekten, veranstaltet Workshops für Kinder oder Ferienkurse. Unterstützt wird die Tätigkeit der in Neu-Anspach angesiedelten Basa-Stiftung, die nach 1981 zu einer Bildungsstätte ausgebaut wurde. Obwohl der Geist des Widerständigen durchaus spürbar ist, wünscht sich Johannes Schoeppe „eine stärkere Betonung des Alternativen“.

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