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Oberursel Die Kraft der Musik

Auf dem „Internationalen Fest“ des Vereins Windrose auf dem Rathausplatz sind auch Flüchtlinge zu Gast. Windrose-Vorsitzender Dunger ist überzeugt, „dass Menschen gewinnen, wenn sie sich gegenseitig umeinander kümmern“.

„Rezaminka“ auf der Bühne. Foto: Rolf Oeser

Es könnte so einfach sein. Viele Instrumente, unterschiedliche Gesangsstimmen – und auf der Bühne und dem menschengefüllten Rathausplatz will jeder die Vielfalt hören. Beim „Internationalen Fest“ des Oberurseler Vereins Windrose war es am Samstag so einfach. Unter die Besucher der Veranstaltung hatten sich auch Flüchtlinge aus Unterkünften im Hochtaunuskreis gemischt. Zu ihnen gehörte Murtaza Faizi aus Afghanistan, der Musik aus der Heimat hört – aber ebenso Opernstücke. „Ich habe eine Arie noch nie live gehört“, sagt der 26-Jährige.

Das dürfte Faizi mit manchen Einheimischen gemein haben. Ihn trennt von ihnen, dass er seine Heimat, den Norden Afghanistans, verlassen hat wegen eines Kriegs, den er selbst nicht führt. Er ist mit seinem kleinen Sohn unterwegs, seine Frau sitzt mit einer Freundin ein paar Meter weiter. „Zu Hause hatten wir mehr Platz zum Leben, jetzt teilen wir uns zu sechst ein Zimmer“, sagt die junge Mutter. Sie sind in der ehemaligen Grundschule in Stierstadt untergebracht.

„Mit Politik geht das nicht“

Der kleine Faizi spielt und planscht mit anderen Kindern im Springbrunnen auf dem Rathausplatz. „So leicht kann Zusammenleben und Zusammenwachsen sein“, sagt Reinhard Dunger, Vorsitzender des Vereins Windrose. „Mit Politik geht das nicht.“ Also haben er und seine Mitstreiter, darunter auch der Verein Kunstgriff, am Samstag auf die Kraft der Musik gesetzt und einen kosmopolitischen Reigen aus Sängern, Combos und Instrumentalisten aus dem Rhein-Main-Gebiet eingeladen.

Sie kamen alle. Unter anderem Musiker des studentischen „Bridges“-Projekts (Frankfurt), der Academy of Stage Arts (Oberursel und Frankfurt) und das Ensemble Hope, in dem sich Spieler und Sänger aus dem Iran, aus Afghanistan und Deutschland zusammengefunden haben. Sie realisierten auf der Bühne Fusionen aus traditionellen Stücken ihrer Herkunftsländer mit Flamenco- und Jazzeinflüssen. Fremde Harmonielehre, gemeinsames Lied. „Beide Seiten profitieren“, sagt Vit König, Opernsänger und 2002 Mitbegründer der Academy of Stage Arts. „Zum Finale am Abend spielen wir mit den unterschiedlichsten Künstlern das Lied ‚Knockin‘ on Heaven’s Door‘. Für Musiker, die unsere Harmonielehre gar nicht kennen, ist das nicht ohne.“ Gleichzeitig konnte sich König in Zusammenarbeit mit seinen Kollegen damit beschäftigen, wie Melodien und Akkorde im Iran oder in Afghanistan notiert werden. „Da ergibt sich auch ein Gerüst“, erklärt der studierte Musiker. „Aber es wird mehr improvisiert.“

Windrose-Vorsitzender Dunger ist überzeugt, „dass Menschen gewinnen, wenn sie sich gegenseitig umeinander kümmern“. Er habe in den Jahren Freundschaften geschlossen, auf die er nicht verzichten will. Auf dem Fest feierte Windrose auch sein 40-jähriges Bestehen. „Tatsächlich gründeten unsere sogenannten Gastarbeiter 1976 in Oberursel den Verein“, erzählt Dunger. „Sie bauten dann auch eine Beratungsstelle für ausländische Bürger auf.“

Betroffene werden Beteiligte

Seitdem steht die Windrose für ein weltoffenes Oberursel und unterstützt mit heute 900 Mitgliedern und unzähligen Helfern Neuankömmlinge unterschiedlichster Herkunftsregionen bei ihren ersten Schritten in einem neuen Land. Die ehemaligen Vereinsgründer, resümiert Dunger, seien heute keine Gastarbeiter mehr, sondern lebten hier in zweiter und dritter Generation. „Das zeigt, Betroffene können zu Beteiligten werden“, sagt der 69-Jährige zuversichtlich.

Dass Kulturen unausweichlich Grenzen zwischen sich errichten, widerlegte der am Abend von den Veranstaltern gezeigte Film „This is it“, der Michael Jackson bei Konzertvorbereitungen zeigt. Unter den Rathausplatzbesuchern dürfte niemand gewesen sein, der den im Jahr 2009 verstorbenen Künstler nicht kennt. Der Film schien alle Gäste gleichermaßen zu fesseln. Was mit Politik möglicherweise nicht geht, ist der Musik an diesem Abend gelungen.

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