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Oberursel Als 19-Jähriger ins KZ

Polnische Holocaust-Überlebende im Gespräch mit Schülern der Hochtaunusschule

Von den 40 Schülerinnen und Schülern im Klassenraum der Oberurseler Hochtaunusschule ist zwei Stunden lang kein Mucks zu hören. Alle schauen nach vorn. Dort sitzt der 89-jährige Ignacy Krasnokucki und erzählt. „Am 9. September 1939 eroberten die Deutschen Lodz, danach begann die Verfolgung.“

Auf Einladung von Marc Fachinger, Pädagoge und Schulseelsorger an der Schule, sind die beiden polnischen KZ-Überlebenden Ignacy Krasnokucki und Kazimierz Pietryka vier Tage lang Gast an der HTS gewesen, um zu berichten, was sie nicht vergessen können. „Ich war damals 14“, sagt Ignacy, „aber mit Schule war es vorbei.“

In zwei benachbarten Klassen sitzen beide Besucher jeder für sich vor den Schülern. Ignacy Krasnokucki kam 1925 in Lodz zur Welt, verlor als Jude durch Deutschlands Überfall Vater und Mutter, überlebte zwei Konzentrationslager und wurde nach dem Krieg Chemiker.

Kazimierz Pietryka, geboren 1923, erlernt in Lodz das Schneidern, wird dann nach Bayern verschleppt, ins Gefängnis und ins KZ Mauthausen-Gusen verfrachtet, schuftet schwer im Steinbruch – aber er überlebt. Er kann bei seiner Heimkehr seine Familie in die Arme schließen und arbeitet wieder als Schneider.

Die Mutter starb in seinen Armen

Die Schüler weiter hinten im Klassenraum haben sich auf Tische gesetzt, um besser sehen zu können, denn Krasnokucki hat eine selbst gezeichnete Karte von Lodz aufs große Display geworfen. „Die Uniformierten kamen, wir mussten in 20 Minuten einen Koffer packen und umsiedeln ins ärmste Viertel der Stadt. Und sie begannen, 230 000 Juden, Kommunisten, linke Sozialdemokraten und Zigeuner einzuzäunen, sie schufen das Getto.“ 1940 wird der Vater, ein Lateinlehrer, verhaftet, der junge Ignacy sieht ihn nie wieder.

Die Deutschen installieren eine Zwangs-Selbstverwaltung im Getto, die die gezielt nachlassenden Lebensmittelrationen verteilt. „Wir mussten für alles bezahlen“, erzählt Krasnokucki. „Ich lernte im Getto Elektriker, arbeitete zwölf Stunden am Tag, das reichte nach einer Woche für ein Kilo Kartoffeln.“ Zehntausende sterben, ebenso viele werden in einem Vernichtungslager nördlich der Stadt mit Auspuffgasen ermordet. Der 89-Jährige berichtet den Schülern liebevoll zugewandt und sagt in die erschrockene Stille hinein: „Das Schrecklichste wird noch kommen.“

Krasnokucki hat seinen Vater verloren und schuftet im Getto nun um sein Leben und um das seiner Mutter. „Sie starb entkräftet 1943 in meinen Armen.“ 1942 ermorden die Deutschen nun auch Kinder und Säuglinge, die sie den verzweifelten Müttern aus den Armen reißen. 19-jährig tritt der Pole eine Odyssee durch verschiedene Arbeitslager an. Im KZ Buchenwald nahe Weimar in Thüringen kann er sich als Elektriker das Überleben sichern. Auf einem Todesmarsch Richtung Westen – die Russen kamen näher – gelingt Ignacy Krasnokucki und einem Freund 1945 die Flucht. „Wir versteckten uns in einem Kanalschacht voller Scheiße und Urin“, erzählt er.

Schüler fragen nach Einzelheiten

Nach zwei Stunden beendet Krasnokucki seine Erzählung, aber er darf noch nicht schweigen. Die Schüler fragen nach Einzelheiten, nach seinen Gefühlen damals und heute, nach seiner Familie. „Es ist eben etwas anderes, wenn jemand selbst erzählt“, sagt der 22-jährige Dejan nach dem Besuch.

Sein 20-jähriger Mitschüler Patrick – beide machen ihr Fachabi – denkt an seinen Großvater. „Ich war immer unsicher, ob er sich befragen lässt.“ Krasnokucki hatte genau das bereits mit den Schülern thematisiert. „Ich verstehe nicht“, sagte der alte Mann, „warum eure Großeltern davon zu Hause nicht erzählt haben.“

„Ich habe lange gehasst“, hatte Krasnokucki zu den Schülern gesagt und sie alle spürten, dass dieses Gefühl den freundlichen Besucher nicht mehr in Besitz hat, auch wenn es dazu Jahrzehnte gebraucht hat.

Und nur zu gern hörten alle Ignacy Krasnokuckis Beschreibung seiner ersten Stunden in Freiheit. Er und sein Freund irrten direkt im Kriegsgebiet herum. „Nachtens, auf der Frontlinie, gehen zwei Idioten mitten auf der Straße und singen. Das waren wir!“

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