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Munitionsdepot Köppern Idylle auf dem Pulverfass

Die Bundeswehr lagert in den Taunuswäldern bei Köppern 44.000 Tonnen Waffen. Atomsprengköpfe seien aber nie dabei gewesen, versichern dir Verwantwortlichen. Von Anton J. Seib

29.09.2009 00:09
Anton J. Seib
Ein Soldat beim Putzen einer Panzerfaust. Foto: FR/Müller

Mitten im Taunus gibt es ein unbekanntes Fleckchen Erde. Es ist 254 Hektar groß und wird bevölkert von etwa 50 Menschen, einigen Rotten Wildschweinen und Rehen. Fremde haben keinen Zutritt zu dem grünen Paradies. Das ist gut so. Denn hinter der Idylle verbirgt sich ein explosives Gemisch. Im Munitionsdepot der Bundeswehr bei Wehrheim lagern rund 44000 Tonnen Waffen - von der Gewehrpatrone bis zur Rakete.

Offiziell heißt das Areal Munitionsdepot Köppern. Doch das ist irreführend. Der größte Teil des Depots befindet sich auf Wehrheimer Gemarkung, der Rest liegt kreisübergreifend auf Rosbacher Terrain im Wetteraukreis. "Köppern heißt es, weil die Zufahrt aus dieser Richtung kommt", erklärt Wehrheims Bürgermeister Gregor Sommer. Er war gemeinsam mit einigen Kommunal- und Landespolitikern und einer Schar Journalisten zum Besuch der hermetisch abgesicherten Anlage gekommen. Geladen hatte Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU), der im Depot seine Sommerreise bei der Truppe beendete.

Neun Kilometer lang ist der Zaun mit seinen 14 Außentoren, der sich durch den Wald um das wohl größte europäische Munitionslager zieht. Kameras überwachen jeden Meter. Bei Alarm rückt der private Wachdienst an, werden die Hunde von der Leine gelassen, die nahe des Verwaltungsgebäudes in einem großen Zwinger leben. Nachts tauchen Scheinwerfer das Vorfeld in grelles Licht - keine Chance für Einbrecher.

Seit 1997 nutzt die Bundeswehr das Munitionslager. Davor hortete die US-Armee über Jahrzehnte Waffen. Damals war das Tor des Hochsicherheitsbereichs mitunter Treffpunkt für Demonstranten, die gegen den Golf-Krieg oder die Lagerung von Atomsprengköpfen protestierten. Atomwaffen seien aber niemals im Taunus stationiert gewesen, sagt heute Hauptmann Markus Ludwig, Chef des Munitionslagers. Dazu seien die Bunker überhaupt nicht ausgelegt gewesen.

372 Bunker aus Beton

Die Bunker. Offiziell heißen sie Lagerhäuser. 372 dieser Häuser ducken sich unter Erdwällen, einer neben dem anderen entlang der schnurgeraden Erschließungsstraßen. Dahinter verbergen sich große Hallen aus dickem Stahlbeton, von außen sichtbar sind nur die eigens gesicherten Tor-Fronten. Vor den Hallen stehen rot-orange Schilder beschriftet mit den Zahlen 1 bis 4. "Das ist für die Feuerwehr, falls es einmal brennen sollte", erklärt Hauptmann Ludwig. Bei 1 ist es am gefährlichsten, dann könnten Raketen im Bunker lagern.

300 Lagerhäuser sind derzeit mit Munition bestückt. Überwiegend versorgen die fünfzig Soldaten und zivilen Mitarbeiter die Truppe mit Übungsmunition, etwa für den Truppenübungsplatz Baumholder. Mitunter wird aber auch Munition für die Bundeswehr in Afghanistan geordert.

Die verschossenen Patronen, Kartuschen oder Minen von den deutschen Übungsplätzen kommen wieder zurück nach Wehrheim. Sie werden von Spezialisten von Munitionsresten befreit und vernichtet oder instandgesetzt. Roland Sauer hat sich auf so genannte Panzerrichtminen DM 58 spezialisiert, Stückpreis etwa 4000 Euro. "Die wegzuwerfen wäre zu teuer", sagt Sauer, der in der riesigen Werkstatthalle residiert. Also baut er das trichterförmige panzerknackende Kriegsgerät mit seiner komplizierten Elektronik komplett auseinander, säubert und ersetzt wenn nötig Bauteile, ehe er die teils winzigen und hoch empfindlichen Komponenten wieder zusammensetzt.

Inzwischen reicht der Platz im Depot kaum noch aus, auch weil demnächst die Bestände aus den Depots Rheinböllen und Kriegsfeld eingelagert werden. Die beiden rheinland-pfälzischen Einrichtungen werden geschlossen. Auch das ist ein Grund dafür, dass das Personal auf 100 Beschäftigte aufgestockt und ab 1. Oktober eine eigene Feuerwache gebaut wird. Auch das Verwaltungsgebäude wird erweitert. Insgesamt investiert der Bund fast sechs Millionen Euro in das Depot. All das interessiert die Schwarzkittel und Rehe nicht, sie haben freien Auslauf in dem weitläufigen Naturreservat. "Ein Paradies", sagt Bürgermeister Sommer. Denn die Tierbestände sind im Hochsicherheitstrakt vor Menschen sicher. Zumindest weite Teile des Jahres.

Nur ab und an geht es den Schwarzkitteln, die sich in Gefangenschaft munter vermehren, ans borstige Fell. Bei der letzten Jagd 2008 erlegten die Waidmänner 50 Wildschweine. "Aber nicht mit Munition, die hier gelagert ist", beeilt sich Hauptmann Ludwig zu versichern.

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