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Meisterschaften im Maßkrugstemmen Wo der Deltamuskel regiert

Bei den 5. Meisterschaften im Maßkrugstemmen in Oberursel zeigen Biertrinker am Tag des Deutschen Bieres, wie lange sie einen Krug halten können. Den Weltrekord können sie nicht brechen.

Vor den Genuss hat der liebe Herrgott auch dieses Mal wieder den Schmerz gesetzt. Foto: Stephan Morgenstern

Der Musculus deltoideus hat die Herrschaft übernommen. Alle Gedanken sind auf ihn gerichtet. Wann beginnt er zu schmerzen, der Dreiecksmuskel über dem Schultergelenk? Wann wird der Schmerz unerträglich? Die Teilnehmer der 5. Oberurseler Meisterschaften im Maßkrugstemmen arbeiten gegen die Uhr.

Es ist der 23. April, bekannt als Tag des deutschen Bieres – einer der höchsten Feiertage in diesem Land und wichtiges Datum für das Alt-Orscheler Brauhaus in der Ackergasse. Zur Feier von Gerste, Hopfen und Wasser richtet Gastwirt Thomas Studanski alljährlich einen Wettkampf aus, der viele Krughalter aus der weiteren Region mobilisiert, Männlein wie Weiblein. Sie finden sich bei bestem Biergartenwetter kurz vor 18 Uhr im Innenhof der Familienbrauerei ein, bestellen ein Märzen, Pils, Mitternachtsbier und setzen ihre Unterschrift auf die bereitliegende Teilnehmerliste.

Die Siegeszeit aus dem Vorjahr liegt bei knapp über fünf Minuten. Minuten, in denen der gefüllte und etwa 1,6 Kilo schwere Maßkrug am ausgestreckten Arm gehalten werden muss. Minuten, in denen der Deltamuskel regiert. „Das ist nicht so einfach“, sagt Mitko Hübner, der heute moderiert und ansonsten als Event-Organisator sein Brot verdient. Im Guinness-Buch der Rekorde sei ein Herr Schmidt verzeichnet, der den Humpen 45 Minuten lang in die Waagerechte gestreckt habe. Nicht zu fassen.

Nach drei Minuten ist Sense

In der ersten Männerrunde, zu der sich sechs Jugendliche und ein gesetzter Herr im taubenblauen Pullunder auf der kleinen Bühne eingefunden haben, ist nach immerhin drei Minuten Sense. Für die Schüler-Clique ist der Kampf beendet, das schwappende Literbier darf in Ruhe noch ausgetrunken werden.

Jetzt aber kommen Maybritt, Miriam, Theresa, Lucy, Safira, Valentina – in der Blüte ihrer jungen Jahre. Petra und Anneliese komplettieren in gereifter Anmut das Feld. Wo aber ist Renate, die zweimalige Meisterin? – Ratlosigkeit herrscht im applausbereiten Auditorium. Egal: Mitko gibt Signal, die schaumbekrönten Gläser zucken auf Schulterhöhe. Ein Kampf der Generationen nimmt seinen Lauf. Rundum lässt Musculus deltoideus seine Besitzerinnen im Stich, nur die silberhaarige Anneliese beweist eiserne Zähigkeit. Zwei Minuten, acht Sekunden: Pokal und Ehre für eine Frau, mit der sofort das Gespräch gesucht werden muss.

Der bayerische Zungenschlag bringt es an den Tag. Anneliese Pieschnick stammt aus München, das Oktoberfest kennt sie nur als Besucherin, ihr Arbeitsleben verbrachte sie in einem Büro. Kein Sport, abgesehen vom winterlichen Skifahren. Aus Bad Homburg ist die 77-Jährige herübergekommen, um „zum ersten Mal“ beim Stemmen dabei zu sein. Mit dem Gerstengebräu hat die Siegerin im Alltag kaum Körperkontakt: „Ich bin Weintrinkerin.“ Ihr Plus sei die Ausdauer – „das, was wir Frauen ja immer brauchen“.

Und während am Mädchentisch das große Gekicher ausbricht, verformen sich die Gesichter der Männer in finaler Anstrengung. Der Mann in Taubenblau kämpft tapfer. Nach dreieinhalb Minuten zeigt der Deltamuskel, wer Herr im Ring ist.

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