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Königstein Der Herr der Bücher

Der Königsteiner Antiquar und Auktionator Godebert M. Reiß hat seine Erinnerungen aufgeschrieben. Und die haben es in sich.

Godebert M. Reiß
Godebert M. Reiß mit einem seiner antiquarischen Schätze. Foto: Rolf Oeser

„Ich war der schnellste Versteigerer der Welt“, sagt Godebert M. Reiß und lacht. Einmal habe er es geschafft, binnen einer Stunde 400 Objekte unter den Hammer zu bringen. Doch nicht solche Rekorde haben den Königsteiner Antiquar und Auktionator dazu bewogen, seine Erinnerungen nun zu Papier zu bringen.

Vielmehr sei da der Wunsch von Kollegen und Freunden gewesen, die er mit seinen Anekdoten in großer Runde immer wieder bestens unterhalten hatte. Warum er das Ganze nicht einmal aufschreibe, habe es dann geheißen. Doch dazu habe ihm lange die Zeit gefehlt. Bis zum Alter von 75 Jahren „habe ich ziemlich streng durchgearbeitet und auch im Wechsel mit meinem Sohn versteigert“, sagt Reiß. Erst als er das Geschäft vor fünf Jahren fast komplett an Sohn Clemens übergeben hatte, fand er die Muße, seine Erinnerungen niederzuschreiben.

Etwa die Episode mit einer Kundin aus Zypern (Spitzname: „Eiserne Lady“). Die habe sich im Rolls Royce zur Auktion chauffieren lassen, erzählt Reiß, und weil ihr Fahrer keinen Parkplatz fand, sei er zwei Stunden lang mit der Luxuskarosse durch die Stadt gekurvt. „Das sorgte für einiges Aufsehen.“

Aber auch ihn selbst habe die Lady in großes Erstaunen versetzt, als sie die Überweisung eines hohen Betrags aus Zypern nach Deutschland in weniger als 30 Minuten bewerkstelligt habe. Mit welcher Bank sie denn zusammenarbeite, wollte er wissen. „,Mit meiner eigenen‘, war die Antwort“, erzählt Godebert M. Reiß.

Tatsächlich könnte man ihm stundenlang zuhören, wenn er von seinen Reisen oder der internationalen Kundschaft berichtet, die bei ihm alte Bücher, Landkarten oder Handschriften ersteigert hat. Davon konnten sich auch die Besucher seiner ersten Lesungen aus „Von Büchern und Büchernarren“ überzeugen – zunächst ein Fachpublikum während der Stuttgarter Antiquariatsmesse, dann die Menschen vor Ort im Café Kreiner, einer Königsteiner Institution.

Die Resonanz gefällt Godebert Reiß: Von den 600 Exemplaren der ersten Auflage sei schon einiges verkauft, berichtete der Autor nicht ohne Stolz. Besonders freut er sich über das Lob von Menschen, die nicht aus der eigenen Branche stammen. „Denn ich habe mir vorgenommen, auch ihnen etwas zu bieten.“

Etwa die Geschichte aus seiner Anfangszeit als Auktionator, als einem alten Herrn im Publikum, der bei einem Witz schallend lachen musste, das Gebiss aus dem Mund rutschte. „Das fiel vor mir auf den Sessel“, erinnert sich Reiß. Und weil es mit speziellen Gelenken versehen war, „hat es ausgesehen, als würde es von allein weiterlachen“. In seinen Beruf gelangte Godebert M. Reiß durch Zufall: „Ich war ein Seiteneinsteiger.“ Nach einem Studium der Klassischen Philologie und Geschichte wusste er nur, dass er kein Lehrer werden wollte. So landete er als Volontär in einer großen Düsseldorfer Buchhandlung mit angeschlossenem Antiquariat. Damals sei er noch völlig unbedarft gewesen. „Ich wusste gar nicht, dass man auch mit alten Bücher handeln kann.“

Doch das änderte sich schnell. Nach fünf Jahren als Mitinhaber eines Braunschweiger Auktionshauses entschied Reiß Ende 1970 sich selbstständig zu machen. Dass er dazu mit Ehefrau Antje ins Rhein-Main-Gebiet zog, war eine strategische Entscheidung. Von seinen Frankfurter Kollegen nämlich hatte er des Öfteren die Klage gehört, in der Region fehle ein Auktionator. In Mainz fand er ein passendes Ladenlokal. „Und ich konnte praktisch aus dem Stand anfangen.“

Los ging es mit Hilfe seiner Frau und eines einzigen Mitarbeiters. Schon bei seiner ersten Auktion habe er mit dem Handel und der Versteigerung von Büchern eine halbe Million D-Mark umgesetzt. Und auch danach brummte das Geschäft – mit Steigerungsraten von fast 100 Prozent pro Jahr.

So gelang es Godebert M. Reiß, sich in den mehr als 50 Jahren seiner Tätigkeit als einer der „bedeutendsten deutschen Antiquare und Buchversteigerer“ zu etablieren – was nicht seine eigene Meinung ist, sondern die des Branchenverbandes Börsenverein des deutschen Buchhandels. Im erfolgreichsten Jahr des Unternehmens habe es einen Umsatz von zehn Millionen Euro erzielt, erzählt Reiß. Das teuerste von ihm versteigerte Einzelstück war ein großer Sammelatlas für 600 000 D-Mark.

Was die Zukunft seiner Zunft angeht, sieht Godebert M. Reiß jedoch schwarz, auch wenn er sicher ist, in seinem Sohn einen „glänzenden Nachfolger“ gefunden zu haben. Das Internet sei der „Todesstoß für das klassische Antiquariat“, befürchtet der 80-Jährige. „Auch die neue Kulturschutzgesetzgebung trägt erheblich dazu bei.“ Vor allem die weniger wertvollen Bücher, die früher für 100 oder 200 Euro unter den Hammer kamen, finden sich inzwischen fast komplett im Internet, die hochwertigen Stücke würden wegen der geringeren bürokratischen Anforderungen eher in den USA oder England angeboten.

Folge: Konnte Godebert M. Reiß früher bei einer Auktion noch 6500 Nummern aufrufen, so komme sein Sohn heute nur noch auf 3000 bis 4000 Lose. Dafür gewinnen die besonderen Bände oder Handschriften immer mehr an Bedeutung. „Da herrscht viel Spekulation.“ Die sorge auch dafür, dass Auktionen vor Ort weniger Spaß machten als früher. Einst habe er bei den Essen für die Auktionsgäste 120 Kunden bewirtet, heute erschienen oft nur noch 20 Bieter persönlich im Auktionssaal. „Das Entscheidende vollzieht sich mittlerweile am Telefon.“

Godebert Reiß’ „Von Büchern und Büchernarren“ ist in der Edition Vincent Klink erschienen. Das Buch umfasst 263 Seiten und kostet 25 Euro. Die Auslieferung erfolgt durch das Antiquariat Steinkopf, Hermannstraße 5 in 70178 Stuttgart, Tel. 0711/2264021. ISBN: 978-3-927350-55-7.

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