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Hochtaunus Im Frühtau zu Berge

Fast 300 Gipfelstürmer rennen von Oberursel auf das Feldberg-Plateau. Der Sieger schafft die 9700 Meter in knapp 39 Minuten. Andere schleppen sich auf den letzten Kilometern dahin.

29. Feldberglauf
Da sieht es bei den allermeisten noch ganz dynamisch aus: Die ersten Schritte beim 29. Feldberglauf. Foto: Rolf Oeser

Der Berg ruft. Immer wieder, jedes Jahr im Frühling, wenn die Laubbäume im Taunus ihr zartestes Grünkleid tragen, folgen bunte Hundertschaften dem Ruf. Grenzgänger und Naturfreunde, Ehrgeizlinge und Spaßläufer zieht es dann hinauf zum höchsten Punkt des Taunus, knapp 880 Meter über dem Meeresspiegel. Das Plateau des Großen Feldberg ist ihr Ziel, möglichst schnell wollen die meisten ankommen. Wollen die 9671 Laufmeter hinter sich bringen, die 597 Höhenmeter überwinden, die sie vom Start an der Hohemark zu überwinden haben. Fünfzehn Euro Startgeld haben sie für das sonntägliche Läuferglück bezahlt.

„Es ist jeden Cent wert“, schnauft Jürgen Voelger im Gipfelrausch. Der Feldberglauf ist für ihn der „absolute Höhepunkt der Saison“, den tut er sich gerne an, auch wenn er als „Nur-sehr-selten-Läufer“ dabei im persönlichen Grenzbereich unterwegs ist. Wer länger läuft, hat mehr vom Startgeld, ist so ein Spruch unter Läufern, der auf den 58-jährigen Oberurseler zutrifft. ... und hat länger Spaß. Florian Neuschwander aus Frankfurt, der neue Feldberg-König, hat gerade mit 38 Minuten und 55 Sekunden die alte Rekordmarke pulverisiert, da hat Jürgen Voelger noch mehr als die Hälfte der Strecke vor sich. „Ein Super-Lauf“, schwärmt der Hobby-Schauspieler, als er nach einer Stunde und 25 Minuten die Ziellinie passiert, noch rechtzeitig vor dem „Besenwagen“. Jeder, der hier ankommt, hat gewonnen. Für alle gibt es nur einen Gegner: Der steckt im eigenen Trikot.

Zeigt her eure Leibchen, das gehört zu den Ritualen bei Läufertreffen dieser Art. Vom Koberstädter Waldmarathon und vom Trailmarathon Heidelberg mit 1500 Höhenmetern erzählen sie, vom 73-Kilometer-Ultralauf über Berg und Tal am Rennsteig in Thüringen, vom Weiltal-Marathon und anderen Läufen. Georg Kunzfeld ist ohne Leistungsnachweis auf dem Trikot am Wegesrand unterwegs, um die Freundin anzufeuern. Die Insider-Szene weiß, dass er vor Wochenfrist den „Jurasteig Nonstop Ultratrail“ über 170 Kilometer mit 5400 Höhenmetern in 22 Stunden bewältigt hat.

Beim Laufen kommt man sich näher, eine Wegbegleitung findet sich schnell, wenn das Tempo passt. Spätestens nach zwei Kilometern, wenn es von der Emminghaushütte auf den historischen Arbeiterweg Richtung Falkenstein und Altkönig geht, ist das bunte Feld längst entzerrt. Wo einst die Arbeiterklasse zur Maloche in der Spinnerei an der Hohemark marschierte, frönen heute Freizeithelden ihrem Sonntagsvergnügen. Extremisten wie Florian Neuschwander, der schon diverse „Hunderter“ auf dem Buckel hat und schnell alleine auf weiter Flur unterwegs ist, Frauen und Männer, die ihre körperlichen Grenzen erforschen wollen.

Im Frühlingswald herrscht Betrieb, auch ohne die Karawane derer, die den Feldberg erklimmen wollen. Am Fuße des Altkönigs, wo vor 2000 Jahren die Kelten hausten, trabt plötzlich eine fröhliche Gruppe Querfeldeinläufer aus dem Unterholz kommend über die mit blauen Pfeilen markierte Laufstrecke, von der anderen Seite kreuzen Mountainbiker die Piste, sie haben inzwischen ihre speziellen Trails im Taunus. Der Wald ist zum Spielplatz für Männer und Frauen aller Altersklassen geworden. Jedem sein eigenes Vergnügen, „normale Spazierwanderer“ in unauffälliger Kleidung sind so selten wie Füchse und Bären.

Am Ausflugslokal Fuchstanz, knapp 220 Höhenmeter unterhalb des Feldberg-Plateaus, ist der Vorhof zur Hölle, wie Jürgen Voelger das nennt, zu Ende. In der Hölle selbst herrscht dann Stille, die Gespräche verstummen, Schnaufen in den unterschiedlichsten Tonlagen bestimmt neben fröhlichem Vogelgezwitscher den Geräuschpegel.

Die Passage kurz vor dem Finale fordert die letzten Kraftreserven, der steile Anstieg zum Gipfel gibt vielen den Rest. Macht aus begnadeten Körpern mehr sich hinauf ins Ziel schleppende als rennende Läufer. Und jeder ist ein Sieger.

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