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Hexenwahn Erlösung für die Becker Anna

Die Stadtverordnetenversammlung beschließt die Rehabilitation der etwa 75 Homburger, die in Hexenprozessen im 17. Jahrhundert hingerichtet wurden.

Im Rathausturm wurden zwischen 1603 und 1656 die Opfer des Hexenwahns bis zur Hinrichtung festgehalten. Foto: Michael Schick

Der letzte Gang der Becker Anna aus Seulberg wird so gewesen sein wie der der Frauen und Männer, die sie vorher schon auf dem Platzenberg umgebracht hatten. In Ochsenkarren bringen sie die Geschundenen zur Richtstätte. Der Henker mit seinem blitzenden Beil läuft nebenher, eine johlende Menge folgt dem Karren, oben warten die Scheiterhaufen.

Helfer zerren Anna und die anderen drei vom Karren, kahlgeschoren sind sie. Manche weinen, andere starren ihrem Schicksal mit leeren Augen entgegen. Sie haben Qualen erlitten, sind gedemütigt worden, haben unter Folter Lügen erzählt, sie schämen sich, haben schreckliche Angst.

Dann kommt der Tod. Gnadenhalber wird man in Homburg nicht bei lebendigem Leibe verbrannt, man bekommt zuvor den Kopf abgeschlagen. So tötet der Henker am 4. November 1653 auch die Becker Anna, die Frau, die zweimal ihren Verfolgern entkam, die geschnappt wurde, weil sie ihre Kinder noch mal sehen wollte. Ihren Körper und den Kopf werfen sie auf die Holzhaufen, Anna verbrennt zu Asche. Kein Grabstein, kein Andenken. Die Verurteilten sind aus der sozialen und religiösen Gemeinschaft ausgestoßen.

Erst am 1.März 2012 beschließt die Stadtverordnetenversammlung von Bad Homburg die Rehabilitation der etwa 75 Homburger Toten als einen symbolischen Akt. Ähnlich verfahren deutschlandweit weitere 22 Städte.

Die Autorin Dagmar Scherf wohnt in Seulberg. Seit vielen Jahren befasst sie sich mit der Hexenverfolgung. Sie hat geforscht, Akten gelesen, daraus Hörspiele und Erzählungen gemacht, ein Buch über die Homburger Hexenverfolgung zusammengetragen. Scherf hat dafür gesorgt, dass wir uns heute ein Bild machen können von dem, was damals hier passiert ist.

Die Autorin hat auch ein Requiem geschrieben, in dessen Zentrum die Becker Anna aus Seulberg steht, eine Frau, so vermutet Scherf, in den 30ern. Sie wird wie viele andere aufgrund der Fantasien einiger Seulberger Kinder wegen Hexerei angeklagt. Einmal seilt sie sich aus dem Gefängnisturm in Homburg ab, doch im Oktober 1653 verhaftet man sie erneut.

Scherfs Text folgt zum Teil dem Muster eines klassischen Requiems. In verteilten Rollen singen der Hexenrichter, Annas Mann, der Pfarrer, der Schultheiß und Anna. Es gibt viele Chorszenen mit Erwachsenen und Kindern. Teile des Verhör-Protokolls und die Träume der Männer werden verarbeitet.

Die Musikerin und Musiklehrerin Laurie Reviol hat schließlich über zwei Jahre hinweg die Musik zu Scherfs Text komponiert. Die Uraufführung am Freitag ist ein musikalisches Großprojekt, für das viele Profis und Laienmusiker unter der Koordination der Musikschule Friedrichsdorf zusammengearbeitet haben. Um die 100 Solisten, Chorsänger verschiedener Chöre und Musiker sind beteiligt. Die Auseinandersetzung mit dem Hexenwahn sei harte Kost für alle Beteiligten gewesen, sagt Musikschulleiter Bert Jonas. Aber „es ist unser aller Geschichte“.

Jonas erklärt, wie Laurie Reviol die Musik einsetzt. Die Komponistin bedient sich keines großen Orchesters: Vibraphon, Harfe, Cembalo und Percussion reichen aus. Die Musik ist nicht historisierend, sie verwendet viele moderne Elemente, um den Bezug zur Gegenwart zu zeigen. Im Kern geht es bei diesem Requiem nicht um die Geschehnisse damals, sondern um ihre Aufarbeitung heute. Reviol nutzt Brüche und impressionistische Elemente, um Geisteszustände zu beschreiben. „Schräge Gedanken klingen dann auch schräg“, beschreibt es Jonas.

Die Komposition sei oft sehr traurig, habe aber auch meditative und erlösende Momente. Die Erlösung ist der Sinn eines Requiems. Diese Erlösung umfasst nicht nur Anna und die Anerkennung des Unrechts. Erlöst werden sollen auch diejenigen, die Anna diese Anerkennung endlich geben, die heutige Gesellschaft. Das Requiem will Frieden bringen. Auch denen, die sich jetzt mit der Geschichte Annas befassen und ihr Andenken bewahren.

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