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Hessenpark Die Ofensau erinnert an alte Zeiten

In seinem Rennofen verwandelt Jörg Reif Erz zu Eisen. Die Besucher des Freilichtmuseums Hessenpark können ihm dabei jetzt über die Schulter schauen. Von Olaf Velte

Wenn morgen die ersten Besucher den Eingangsbereich des Hessenparks passieren, hat Jörg Reif seinem Rennofen bereits kräftig eingeheizt - schon zum sechsten Mal. Zur Mittagsstunde soll das Eisenerz aufgeschüttet werden. 1000 bis 1200 Grad muss der 1,80 Meter hohe Ofen heiß werden, um das Eisen zu gewinnen.

Drei Tage vorher waren die luftgetrockneten Lehmziegel noch angenehm kühl - durch das "Trockenfeuern" mit Stroh und Reisig hat der 49-Jährige den nach historischem Vorbild gefertigten Eigenbau allmählich an die wachsende Hitze gewöhnt. "Wenn es zu schnell geht, können Risse entstehen." Seit vier Wochen laufen die Vorbereitungen für das seltene Schauspiel. Am Samstag und Sonntag können die Zuschauer erleben, wie Kelten, Römer und Germanen ihre eisernen Gebrauchsgegenstände herstellten. Über 2000 Jahre war die aufwendige Technik in Gebrauch.

Dass auch in der Taunusregion unzählige Rennöfen qualmten, spielt dabei keine unerhebliche Rolle. "Um 1700 gab es hier kaum noch Bäume - die wurden alle zur Herstellung von Holzkohle gebraucht", sagt Reif. Die Holzkohle wurde vorwiegend im Frühjahr gebrannt, um die Eisengewinnung während der Sommermonate zu gewährleisten. In der feuchten Jahreszeit zerfielen die Lehmbauten.

Jörg Reif, der im Hessenpark auch als Müller, Köhler, Fischwirt und Kelterer tätig ist, präsentiert einen Spitzbarren aus Eisen. "Das ist das Endprodukt, die Handelsware von damals." Was er am Sonntag um 14 Uhr aus dem Ofen holen wird, ist jedoch alles andere als wohlgeformt. Heraus kommt die sogenannte Ofensau, ein unförmiges Stück Eisenschwamm. Zur weiteren Verarbeitung müssen die Schlackenteile ausgeschmiedet werden. Um zwanzig Kilo Schwamm zu gewinnen, sind 250 Kilo Holzkohle und 60 Kilo Erz vonnöten. "Ein guter Schmied gewinnt daraus etwa dreieinhalb Kilo verwertbares Eisen." Spezialisten waren sie allesamt, die Bergleute, Schmiede, Pocher oder Renner. In den hessenweit verbreiteten Waldschmieden konnten sie herstellen, was im Alltag gebraucht wurde: weichen Stahl für Drähte, harten für Klingen. Noch heute finden sich Schlackenreste in heimischen Forsten.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag wird der Köhlerplatz im Hessenpark wohl im flackernden Feuerschein liegen. Bei vollem Brand schlagen anderthalb Meter hohe Flammen aus der Ofenspitze. Wie in jedem Jahr werden dann einige Besucher am Rennofen übernachten.

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