Lade Inhalte...

Gastbeitrag Als Kunde bezeichnet, als Bettler behandelt

Der reiche Hochtaunuskreis besteht darauf, Optionskommune zu sein. Für Hartz-IV-Empfänger nicht unbedingt ein Vorteil, findet Alexander Dietz vom evangelischen Dekanat.

27.04.2010 00:04
Alexander Dietz. Foto: Privat

Der Hochtaunuskreis gehört zu den 69 Optionskommunen, die sich um die Arbeitsvermittlung und Versorgung von Langzeitarbeitslosen kümmern. Die Argumente für eine Alleinzuständigkeit der Kommunen liegen auf der Hand: weniger Bürokratie und besondere Kompetenzen bei der Vermittlung in den regionalen Arbeitsmarkt.

Nun berichten aber Betroffene von besonderen Missständen in Optionskommunen - auch im Hochtaunus. So stand hier der Vorwurf im Raum, dass die Kreisverwaltung Mittel für Fördermaßnahmen nicht beantragt oder für andere Zwecke verwendet habe. Auch die Gefahr, dass sich ein regional besonders ausgeprägter harscher und restriktiver Umgang mit den "Kunden" (zum Beispiel im Blick auf die Mietpreisrichtlinien) durchsetzt, ist in Optionskommunen höher und scheint sich in diesem Fall realisiert zu haben. Im Interesse der Betroffenen muss verhindert werden, dass solche Zustände zum Modell für ganz Deutschland werden. Jenseits der politischen Grabenkämpfe für oder gegen Kommunalisierung sollten die Ursachen solcher Missstände im Gespräch mit Betroffenen analysiert und in der Gesetzgebung berücksichtigt werden.

Vor wenigen Wochen forderte der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle, dass Sozialleistungsempfänger zumutbare Arbeiten annehmen und ihre Mittel im Falle der Verweigerung gekürzt werden müssten. Angesichts der Tatsache, dass diese Forderungen seit Jahren Gesetz sind und umgesetzt werden, muss von einer bewussten Beförderung von Vorurteilen ausgegangen werden: Vorurteile der Faulheit und des Sozialmissbrauchs, unter denen Betroffene allerorts leiden, ganz besonders in wohlhabenden Gegenden wie dem Hochtaunus.

Wie fühlt sich eine allein erziehende Mutter, die in Vollzeit arbeitet und trotzdem auf ergänzende Leistungen nach SGB II angewiesen ist, angesichts der "Hartz IV-Debatte"? Wie fühlt sich der 50-jährige Langzeitarbeitslose, der verzweifelt einen Job sucht, aber in den es sich nicht mehr lohnt, Fördermaßnahmen zu investieren, und der auf der Behörde zwar als Kunde bezeichnet, aber als Bettler behandelt wird? Wenn wir uns bewusst machen, dass diese Menschen die Regel sind und die Menschen aus der Talkshow die Ausnahme, dann ist unsere wichtigste Frage nicht mehr: Wie können wir vermeiden, dass jemand zu viel bekommen könnte? Sondern dann ist unsere Frage: Wie können wir sicherstellen, dass jeder ein menschenwürdiges Leben führen kann? Die Einsicht, dass kein Mensch seine Würde erst durch Erwerbsarbeit verdienen muss, wird in einer Gesellschaft, in der es nicht genügend Arbeitsplätze für alle gibt, besonders wichtig.

Die Bad Homburger Erwerbsloseninitiative hat einen Flyer herausgegeben, in dem sie berechnet, wie viel ein bescheidenes Leben in gesellschaftlicher Teilhabe kostet, indem die Kosten aller notwendigen Artikel, von der Zahnpasta bis zur Fahrradreparatur, detailliert aufgelistet werden. Transparenter geht es nicht. Anhand dieser Aufstellung kann jeder sagen, auf welchen Posten davon seiner Meinung nach jemand, der seinen Arbeitsplatz verloren hat, verzichten sollte und auf welche nicht. Das wäre eine konstruktivere Hartz IV-Diskussion.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen