Lade Inhalte...

Ernst-Ludwig Kirchner Malen im Taunus-Sanatorium

Kriegsangst und Drogen hatten seine Gesundheit zerrüttet. 1915 sucht der Maler Ernst Ludwig Kirchner Heilung bei Dr. Kohnstamm in Königstein. Das hatte auch künstlerische Folgen.

03.08.2010 11:13
Sarah Körner
Bahnhof von Königstein, gemalt von Ernst Ludwig Kirchner. Foto: Archiv

Ernst Ludwig Kirchners Eindrücke aus Königstein und Umgebung sind vielfältig: Gemälde, Zeichnungen, Tagebucheinträge und Korrespondenzen zeugen davon. Sein Lieblingsstandort zum Zeichnen war dort, wo sich heute das Kommunikations- und Trainingscenter am Ölmühlweg befindet. Bei seinen regelmäßigen Waldspaziergänge fertigte er außerdem Skizzen an.

In Königstein hielt sich der Maler, Grafiker und Bildhauer (1880-1938) auf, weil er absinth- und tablettenabhängig war. Einen ersten Zusammenbruch hatte der Künstler 1915 erlitten, unter anderem wegen seiner militärischen Ausbildung in Halle und der permanenten Angst vor einem Einsatz im Ersten Weltkrieg.

Das alles führte schließlich dazu, dass er sich zwischen dem 15. Dezember 1915 und dem 15. Juli 1916 mit einigen Unterbrechungen im Königsteiner Sanatorium von Dr. Oskar Kohnstamm aufhielt. Um nicht mehr in den Krieg zu müssen, hungerte er heimlich, magerte dadurch enorm ab, was wiederum die Ärzte dazu veranlasste, ihn vom Kriegsdienst zu suspendieren.

Seine Königsberger Impressionen setzte er dann später, vermutlich erst in seiner Zeit in Davos, in Öl um. Er war 1917 in die Schweiz gezogen, um sich behandeln zu lassen. Die Werke, die dort entstanden, sind expressiver und perspektivisch gewagter als jene, die er zuvor auf der Insel Fehmarn angefertigt hatte. Ein Beispiel dafür ist das farbintensive und an Strukturen reiche Bild Bahnhof in Königstein von 1916. Im Hintergrund ist der von der Festungsruine gekrönte Taunusberg zu sehen. Das Ölbild Autostraße im Taunus aus dem Jahr 1916 scheint durch die unruhig gebogenen Bäume und das kräftige Rot der Straße psychologisch aufgeladen.

Im Brunnenturm des Sanatoriums hatte der Expressionist 1916 auf fünf Wandfeldern unterschiedlichen Formats Badeszenen am Meeresstrand gemalt, die leider nicht mehr erhalten sind.

Kirchners Geistes- und Seelenzustände werden auch in den schriftlichen Hinterlassenschaften des Künstlers deutlich. Im April 1916 schrieb er an den Kunstsammler und Mäzen Gustav Schiefler: „Hier sende ich anbei das Selbstporträt, das ich für Ihr Fräulein Tochter bestimmt habe. Es ist in einer Nacht entstanden, wo das Bewusstsein sich halb aufgelöst hat.“

Nicht weniger tröstlich klingen die Worte in seinem Tagebuch vom Juli 1919: „Diese Psychiater sind erstklassige Menschenschinder und Täuscher. Jonglieren mit dem Geistigen ist nicht schwer, aber man verdirbt die Menschen, anstatt sie zu retten.“ Er verarbeitete seine Krankheit in mehreren Selbstporträts, wie der ausgezehrte und fragile Kopf eines Kranken, ein Holzschnitt von 1918. Auch Alltagsszenen aus dem Sanatorium und Porträts fertigt Kirchner in jener Zeit an, wie beispielsweise das großformatige Bildnis des Dr. Kohnstamm.

Ernst Ludwig Kirchners Kunst hat längst Weltruhm erlangt, besonders durch die Vielzahl der Ausstellungen, die ihm regelmäßig gewidmet werden. In Davos wurde ihm zu Ehren sogar ein eigenes Museum gegründet.

Kirchner, Gründungsmitglied der Brücke, war unermüdlich produktiv. Allerdings wurde sein gesamtes Leben und damit verbunden auch sein umfassendes ?uvre von seiner Krankheit überschattet. Dazu kam die Diffamierung seiner Arbeit als „entartete Kunst“ durch die Nazis, was schließlich im Jahre 1938 zum Selbstmord führte.

In Kirchners Werken stehen das Erlebnis und die Dynamik im Vordergrund. Gleichzeitig hatte seine Arbeit für ihn eine therapeutische Funktion. Die Bilder und Zeichnungen symbolisieren immer wieder die tiefe menschliche Krise und Hilflosigkeit. Sowohl die Ölbilder als auch die grafischen Werke verdeutlichen das seelische und körperliche Leiden des Künstlers.

Dass er einige Zeit in Königstein verbrachte und von Land und Leuten inspiriert worden ist, wissen die wenigsten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen