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Ein bisschen Frieden

Spaßvogel steht jetzt in der Stadtbibliothek und soll zugunsten der Tafel versteigert werden

12.08.2011 23:06
Martina Propson-Hauck

Sie war vor drei Wochen, mitten in den schulischen Sommerferien, über Nacht einfach aus dem Nichts aufgetaucht. „Sie“, die Skulptur. Oder „Er“, der Vogel. Eine Art Spaßvogel oder Friedenstauben-Parodie im ehernen Kunstambiente der Blickachsen-Ausstellung. Hellgrüner Holzleib, dürre Stahlbeine, frecher Schopf in den Homburger Stadtfarben blau und weiß. Hielt eine rote Rose im Schnabel aus Zeltheringen. Eine Rose solcher Art, wie man sie an Schießbuden für die Liebste herunterknallt. Blickte keck aus Bionade-Kronkorken-Augen der blauen Kunst-Kanone auf dem Schmuckplatz ins Rohr. F-R-I-E-D-E-N steht dem Vogel auf den Leib geschrieben, mit einem roten Herzchen auf dem „I“. Man möchte am liebsten Nicoles Grand Prix-Hit intonieren.

Genauso plötzlich, wie er aufgetaucht war, war er auch wieder verschwunden. Die Empörung in der Bevölkerung war groß. Ordnungspolizei und Bauhofmitarbeiter wurden des Kunstraubs verdächtigt. Kulturdezernentin Beate Fleige ermittelte – und wurde fündig: Blickachsen-Kurator Christian Scheffel hatte offensichtlich veranlasst, dass die Skulptur nach einer angemessenen Standzeit in einem Lagerraum der Kur GmbH verschwand.

Offenbar war das Werk eine künstlerische Reaktion auf das wohl meistdiskutierte Kunstwerk der diesjährigen Blickachsen-Ausstellung: „Worldwar III“ von Joep van Lieshout. Die Skulptur habe ihren Auftritt gehabt, meinte Scheffel, der sich ansonsten angetan zeigte über die kreative Form der Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk der Ausstellung. In der Vergangenheit musste er eher gegen Vandalismus anzugehen. Seit gestern nun ist der ulkige Friedensvogel wieder öffentlich zu sehen: im ersten Stock der Stadtbibliothek. Deren Leiter, Klaus Strohmenger, gewährt dem Vogel Asyl. Zwischenzeitlich hat sich auch ein Anonymus mit dem Namen „Müller“ bei der Kulturdezernentin gemeldet.

Fleige glaubt, dass es sich um eine Frau handelt. Jedenfalls hat der oder die Kunstschaffende angeregt, der Friedensvogel könne zugunsten der Homburger Tafel versteigert werden.

Still steht er nun auf dem Rost des Lichtschachts, genau ein Stockwerk unter einem Werk der Kinderblickachsen mit dem Titel „Scava ppalabbi“. Ein wenig scheint ihm hier die Konfrontation mit der großen Kunst draußen zu fehlen. Oder war alles nur eine köstliche Inszenierung?

„Kunst muss reizvoll sein“, sagte Fleige gestern bei der Vorstellung des Protest- oder Spaßkunstwerks. Rätselhaft sowieso. Das nette Friedenswerk findet Strohmenger besonders passend für die Stadtbibliothek, da „Menschen, die Bücher lesen, meist friedlich“ seien. Auch eine Versteigerung des geheimnisumwitterten Werks könne er sich an diesem Ort gut vorstellen.

Die Kulturdezernentin will sich nun per Mail wieder mit der Anonyma oder dem Anonymus in Verbindung setzen. Eine Fortsetzung der Geschichte ist zu erwarten. Ob jedoch je gelüftet werden wird, wer der Schöpfer oder die Schöpferin des kleinen Friedens ist, bleibt ungewiss.

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