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Dostojewski in Homburg "Wenn nicht das Roulette wäre ..."

Der russische Schriftsteller verfällt ab 1863 in Bad Homburg der Spielsucht - und schreibt darüber einen berühmten Roman. Von Klaus Nissen

16.04.2009 00:04
KLAUS NISSEN
Dostojewski-Büste - allerdings nicht in Bad Homburg, sondern in Wiesbaden. Auch die Landeshauptstadt reklamiert für sich, Inspirationsort für den "Spieler" zu sein. Foto: FR/Schick

Fjodor Dostojewski fühlte sich in Bad Homburg nicht wohl. Das ist literarisch verbürgt. Der russische Schriftsteller besuchte die Stadt mehrmals zwischen 1863 und 1867. Er reiste dorthin, um zu zocken - genauso wie in Wiesbaden und in Baden Baden. In seinem weltberühmten Roman "Der Spieler" verwob er diese drei Orte zusammen zum fiktiven Roulettenburg. "Es ist für ihn ein besseres Zuchthaus, eine Art Hölle", beschreibt der Historiker Johannes Latsch die Szenerie. Er hat den Aufenthalt des Russen in Bad Homburg für einen Vortrag im Gotischen Haus erforscht.

Dostojewski ist spielsüchtig. Im Alter von 42 Jahren hat der damals schon berühmte Autor 1863 zum ersten Mal Roulette gespielt. Er beginnt mit 40 Gulden, setzt davon nur einen oder zwei. Nach 15 Minuten gewinnt er das Doppelte. Wie es weitergeht, beschreibt Dostojewski als "Spieler"-Hauptfigur Alexej im Roman: "Kaum fange ich an zu gewinnen, gehe ich gleich ein Risiko ein - ich kann mich nicht beherrschen!" Alexej ist wie Dostojewski selbst, sagt Johannes Latsch: Der Russe will sein verlorenes Geld zurückgewinnen, dann könnte er der Stadt den Rücken kehren. Er versucht, das System des Spiels zu erkennen. Doch ob er Schwarz oder Rot setzt - am Ende gewinnt nur Blanc - der Besitzer des Homburger Casinos.

Tausend Spieler strömen damals täglich ins Kurhaus. Der Roulette-Saal öffnet um elf Uhr. Die Herren spazieren in Gehröcken herbei, den Cutaways. Die Damen schleppen schwer an ihren Krinolinen. Latsch: "Bad Homburg war eine Drehscheibe des Adels und solcher, die Adel sein wollen. Gestalten voller Niedertracht - der Bodensatz der Casinoszene".

Gräfin Kisseleff landet im Buch

Das trifft für die reiche Gräfin Sophie Kisseleff wohl nicht zu, nach der noch heute ein Hotel und eine Straße in Bad Homburg benannt sind. Sie verbringt zwischen1840 und 1872 täglich bis zu zwölf Stunden im Casino. Ihre immensen Spielverluste kann sie durch Dividenden aus ihren Spielbank-Aktien ausgleichen. In "Der Spieler" lässt Dostojewski sie als skurrile "Babuschka" auftreten.

Der Schriftsteller selbst hat weniger Gulden zu verspielen. Schon 1865 hat er in Wiesbaden seine gesamte Reisekasse im Casino verloren. In Baden-Baden und Bad Homburg jongliert er tagelang mit dem Geld eines verpfändeten Kleides seiner 20 Jahre jüngeren Frau Anna. Im Mai 1867 hat er sie in Dresden zurückgelassen und trifft an einem kalten Tag in Bad Homburg ein.

Er steigt im Hotel Viktoria an der Louisenstraße ab und ist gleich missgestimmt. Die Bad Homburger seien tumb, schreibt er. "Und wer kein Geld hat, fällt bei ihnen gleich in Ungnade". Jeden Morgen um zehn Uhr schreibt Dostojewski nach Dresden. Er bittet Anna um weiteres Geld und jammert. Die Ohren schmerzen, stechende Schmerzen in den Zähnen, heißt es in einem Brief. Wieder hat er verloren, dann kurz gewonnen und wieder, wieder verloren. Er schreibt; Morgen, morgen ist alles vorbei. Aber wie soll er die Hotelrechnung bezahlen? Niemand reinigt seine Kleidung und das Personal geht ihm voller Verachtung aus dem Weg. Nicht einmal eine Kerze wird ihm ins Zimmer gestellt. Juweliere nehmen seine Uhr, das Geld verflüchtigt sich auf dem Roulettetisch.

Im Viktoria reichen sie Dostojewski die Rechnung. 70 Gulden werden es am Sonntag sein. Es ist Freitag, aber am Sonntag wird er zahlen, ganz gewiss. Es ist Ende Mai, und im Nachtfrost erfrieren die Kirschen im Kurpark. Dort geht Dostojewski gelegentlich spazieren. Er schreibt: "Hier könne man leben - wenn nur nicht das verdammte Roulette wäre!" Nach elf Tagen flieht der Spieler aus Bad Homburg. Um an Geld zu kommen, diktiert er Anna, da war sie noch seine Sekretärin, innerhalb von 26 Tagen die Beschreibung seiner Spielsucht, die heute in Millionen von Bücherregalen steht.

Schließlich teilt ihm Anna mit, dass sie schwanger ist. Dostojewski lebt mit ihr später in St. Petersburg, überwindet offenbar die Spielsucht. Das Paar bekommt eine Tochter und zwei Söhne. 1881 stirbt Dostojewski.

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