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Bahnhof Oberursel Blumengarten im alten Gleisbett

Biotop Bahnhof: Auf den stillgelegten Schienenanlagen am Bahnhof entwickeln sich spontane Pflanzengesellschaften mit mehr als 200 Arten. Von Jürgen Streicher

Zwischen den Gleisen sprießt die Fauna - eine von 200 Pflanzenarten am Bahnhof Oberursel. Foto: FR/Rheker

Ohne pflanzliches Leben sind nur die beiden Schienenstränge Richtung Frankfurt und Bad Homburg, die noch in Betrieb sind. Wo alle paar Minuten eine S-Bahn drüber rauscht und dazu noch die Taunusbahn. Direkt daneben aber entfaltet sich am Oberurseler Bahnhof ein florales Leben, das Laien kaum so erwarten würden. Mehr als 200 spontan vorkommende Pflanzenarten hat der Oberurseler Biologie-Professor Rüdiger Wittig auf dem Gelände zwischen Bahnschranke und dem alten Verladekran auf dem ehemaligen Güterbahnhof-Areal gefunden und aufgelistet.

Wo der schnelle Pendler auf dem "wilden Parkplatz" am letzten noch stehenden Güterschuppen nur Ödland, Brachland und den Ansatz von Steppe erkennt, wachsen Pflanzen mit so klangvollen Namen wie Dreifinger-Steinbrech, Mäuseschwanz-Federschwingel, die seltene Moor-Birke und der Quendelblättrige Ehrenpreis. Pionierfluren auf Gleisschotter heißt das etwa, was da seit knapp drei Jahrzehnten nach Stilllegung des ehemaligen Güterumschlagbereichs passiert.

Nicht spektakulär, aber reichhaltig blüht und grünt es dort. Im Biotop Bahnhof wachsen wesentlich mehr Pflanzenarten als auf einem vergleichbar großen Gelände im Taunus-Wald. Schmetterlinge in Fülle laben sich da an den Blüten des aus Ostasien eingeführten Sommerflieders, Bienen befliegen das Blütenmeer, das im Hochsommer allerdings wieder an Farbenvielfalt verliert. Hauptzeit der Vegetationsentwicklung ist bis Juni.

Aber auch jetzt noch blüht es weiß, gelb, lila und blau zwischen Schotter und verrosteten Gleisen. Der Flieder hat sich vom Randbewuchs zum zweiten Gleis vorgeschafft, die Birke ist überall. Bis zu sieben Meter hoch, also schon ein paar Jahre gewachsen. Die alten Schienen, längst vergessen vom Verkehr, sind Blumengarten und ein bisschen Müllkippe im Niemandsland. Die Schwellen verwittert, Brombeerranken wickeln sich um das alte Eisen, greifen sich ihr Terrain zurück. Hinten am alten Güterbahnhof, wo noch fünf Gleise parallel verlaufen.

Noch weiter fortgeschritten ist die Rückeroberung des Geländes hinter der Zufahrt zum alten Verladekran, dessen Gerüst noch steht. Katzenkopfpflaster, kleine und große Steine, in den Ritzen wachsen Kleines Liebesgras, Rote Schuppenmiere und Niederliegendes Mastkraut. Biologie-Professor Rüdiger Wittig hat sie alle aufgelistet in einem Beitrag für ein Heft des Vereins für Geschichte und Heimatkunde. Alphabetisch geordnet nach ihren lateinischen Namen vom Acer campestre, dem Feld-Ahorn, bis zu Vulpia myuros, dem Federschwingel.

Wieviel Überlebenszeit das Biotop Bahnhof noch hat, ist unklar. Blumenfreund Wittig hofft, dass zumindest ein Teil der alten Vegetationssubstanz in die Neugestaltung einbezogen wird, wenn es denn dazu kommt. Und etwas vom Schotterbereich als "ein Stück Heimatpflege" durch "Sichtbarmachung alter Nutzungen".

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