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Bad Homburger Schloss Wie zu Kaisers Zeiten

Das Bad Homburger Schloss bleibt wegen historischer Bausünden noch jahrelang eine Baustelle. Weil Wilhelm II. einen größeren Speisesaal wollte, wurde zum Beispiel eine tragende Wand entfernt.

09.05.2016 17:14
Der "Weiße Turm", das Wahrzeichen der Stadt Bad Homburg, mit dem Königsflügel im Hintergrund. Die ehemaligen Wohnräume des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria im Königsflügel des Landgrafenschlosses sind geschlossen und werden seit fünf Jahren umfangreich saniert. Foto: dpa

Wer in eine neue Wohnung zieht, will sie nach seinem Gusto umgestalten. Das war schon früher so. Weil der letzte deutsche Kaiser ein feudales Esszimmer in seinem hessischen Schloss wollte, gerieten Balken und Decken in Bewegung.

Ganz oben unter dem Dach halten Tonnen von Stahl die alte Holzbalkenkonstruktion im Königsflügel des Bad Homburger Schlosses zusammen. Lange Streben wurden ergänzt, die alten Balken im Boden werden von filigran wirkenden und miteinander verschraubten Teilen in Position gehalten. Ein bisschen sieht das Ganze aus wie ein vielbeiniger Käfer aus Metall, deshalb heißt das Konstrukt bei den Fachleuten „Tausendfüßler“.

Mehr als 31 Tonnen Stahl seien dafür in das Gebäude gebracht worden, sagt Architektin Kerstin Werner. Jetzt hält es, aber der Königsflügel mit der einzigen original erhaltenen Kaiserwohnung in Deutschland wird frühestens 2018 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Insgesamt rund 6,8 Millionen Euro zahlt das Land Hessen als Eigentümer des Schlosses für die Sicherung und Sanierung des Gebäudes. Nach der Erneuerung der Statik stehen nun Arbeiten in den Innenräumen auf dem Plan, sie sollen nach Angaben des Landesbetriebs Bau und Immobilien Hessen im Juni beginnen.

Prominente Gäste

Das Bad Homburger Schloss teilt das Schicksal vieler historischer Gebäude. Umbauten, Erweiterungen, Eingriffe in die Bausubstanz hat es über die Jahrhunderte über sich ergehen lassen. Die letzte Umgestaltung vor gut 100 Jahren hielt lange, brachte aber schließlich die ganze Statik bedrohlich ins Wanken. „Es gab gut hörbare Spannungsgeräusche“, sagt Anja Dötsch von der hessischen Verwaltung der Schlösser und Gärten. Holz knalle, wenn es sich stark bewege. Decken und Wände bekamen Risse, es bestand Einsturzgefahr. Die Kaiserwohnung wurde für die Öffentlichkeit 2011 geschlossen. Seitdem wird saniert.

Verantwortlich für die größten Schäden sind die letzten Bewohner des Schlosses, Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) und seine Familie. Sie waren 1918 zum letzten Mal in Bad Homburg, bevor der Kaiser abdankte und ins Exil ging. Ihm waren die Räume im ersten Stock des rund 300 Jahre alten Gemäuers nicht repräsentativ genug gewesen, deshalb hatte er zwei zu einem 16 mal 10 Meter großen Speisesaal zusammenlegen lassen.

Dort konnte er standesgemäß Gäste empfangen, wenn die Familie in ihrer Bad Homburger Sommerresidenz weilte. Und das habe er ausgiebig getan, berichtet Karl Weber, Direktor der hessischen Schlösserverwaltung. Unter den Besuchern seien etliche Monarchen gewesen.

Seit 1866 gehörte das Barockschloss den Preußen, nachdem die Linie der bisherigen Eigentümer, der Landgrafen von Hessen-Homburg, ausgestorben war. Es wurde Sommerresidenz der Kaiserfamilie, die hessische Kurstadt blühte auf. Prominente Gäste, darunter Vertreter der verwandten Herrscherhäuser Russlands und Englands, machten die Stadt vor den Taunushöhen zum mondänen Treffpunkt der internationalen Gesellschaft.

Speisesaal gegen Statik

Wilhelm II. hatte für die Vergrößerung seines Speisesaals eine tragende Wand entfernt – mit schweren Folgen für das ganze Konstrukt. In den folgenden Jahrzehnten bogen sich die Deckenbalken des kaiserlichen Esszimmers bedrohlich und hingen schließlich in der Mitte immer mehr durch. In den Gäste- und Prinzenzimmern darüber wurden die Dellen im Fußboden mit Tonnen von Sand und Bimsstein gefüllt, das drückte zusätzlich auf die Decke des nun repräsentativen Speisesaals, wo die Kronleuchter wegen der schwingenden Decke ständig schwankten.

Seit 2011 ist der Flügel des Barockschlosses wegen Sanierung geschlossen. Die statische Sicherung, für die rund zwei Millionen Euro ausgegeben wurden, ist inzwischen abgeschlossen. Es soll nun die technische Infrastruktur erneuert werden – Heizungs- und Sanitäranlagen, elektrische Leitungen. Außerdem ist die Restaurierung der Decken samt Stuck und Bemalung, der Tapeten, Öfen, Zimmertüren und des Parkettbodens geplant.

Für die Einrichtung der Räume werden die erhaltenen Möbel restauriert – eine Stiftung sammelt dafür Geld. Direktor Weber kalkuliert mit Kosten von gut 1,7 Millionen Euro, bis alles so aussieht wie zu Kaisers Zeiten. Dazu müssen verschlissene Sessel neu bezogen, Schränke restauriert werden, die 45 Fenster der Wohnung bekommen Gardinen. Alles zusammen, ergänzt mit Fotos und Erinnerungsstücken, soll die Atmosphäre von damals wiedergeben. „Die Räume waren relativ voll, diesen Eindruck wollen wir auch haben“, sagt Weber.

Die historische Elektrik bleibt als technisches Denkmal original erhalten, samt den Lichtschaltern aus Keramik. Wilhelm II. war ein großer Technikfan, er ließ 1905 eine Telefonleitung ins Schloss legen und war so mit dem Stadtschloss in Berlin verbunden. Die Kronleuchter spendeten schon vor über 100 Jahren elektrisches Licht, an der Decke gab es elektrische indirekte Beleuchtung.

Die bei Besuchern beliebten Schlossführungen bei Kerzenlicht waren bis zur Schließung zwar romantisch, aber historisch ganz falsch, wie Weber betont. In Zukunft werde historisch richtig elektrisch beleuchtet. (Sabine Ränsch, dpa)

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