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Bad Homburg Schule des Tastens

Blinde Künstler erkunden die „Blickachsen“-Ausstellung im Kurpark. Anders als in Museen dürfen sie dort die Skulpturen berühren.

Kunst mit den Händen erfahren hier Mitglieder der Werkstatt 37 der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Foto: Schick

Über dem Bad Homburger Kurpark ist die Sonne herausgekommen und scheint auf eine Gruppe von Menschen, die sich langsam einer Skulptur nähern. Die Kunstliebhaber können das Himmelsgestirn nicht sehen, fühlen aber die wärmenden Strahlen auf ihren Gesichtern. Die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte hat eine spezielle Führung für Mitglieder ihrer Werkstatt-Galerie 37 organisiert.

„Münder und Nasen!“ – da ist sich Helene Wenzel ganz sicher. Ihre Finger gleiten über die vertrauten Formen, finden auch die Augenhöhlen. So viele Nasen nebeneinander sorgen jedoch für Heiterkeit, es wird oft gelacht an diesem Vormittag. „Ist das ein Gnom?“ Kunstpädagogin Stefanie Bickel, eine langjährige Kennerin der „Blickachsen“-Ausstellung, hat die Gruppe zu dem Bronzeguss-Kopf des Künstlers Caspar Berger geführt.

Keine Frage bleibt unbeantwortet. Noch einmal ertasten die Hände den gelockten Schädel, die glatte Halspartie. „Unübersichtlich sieht es aus“, sagt eine Teilnehmerin. Die Kunstwerkstatt innerhalb der 1837 gegründeten Stiftung besteht seit zwanzig Jahren und bietet sehbehinderten Künstlern ein Refugium.

„Das Atelier ist zwei Mal pro Woche geöffnet“, sagt Leiterin Heike-Marei Heß. Aktuell besteht die Gruppe aus elf Menschen, die sich vornehmlich mit Speckstein auseinandersetzen. „Ein ideales Material, wenn man auf den Tastsinn angewiesen ist.“

Die Teilnehmer kommen nicht nur aus der Mainstadt, manche reisen regelmäßig aus Aschaffenburg oder Marburg an. Einige arbeiten völlig frei, andere bringen Modelle und Vorlagen mit. Mit Feile, Raspel und Polierschwamm erfolgt die gestalterische Feinarbeit. Ute Kroll hat sich beispielsweise auf figürliche Darstellungen spezialisiert – ein wohlproportionierter und handgroßer Torso ist ihre letzte Arbeit. In der angegliederten Galerie können die Werke ausgestellt werden.

Im Kurpark kommen sie in den seltenen Genuss, die im öffentlichen Raum platzierten Skulpturen auch berühren zu dürfen. Eine Gelegenheit, die in vielen Museen nicht besteht. „Das hier ist eine ganz eigene Kunsterfahrung“, so Heß.

Zwar sei die Gesamtheit dieser großen Objekte für blinde Menschen schwierig abzuschätzen – doch Oberflächenstruktur und Details würden intensiv wahrgenommen. Kurzum: „Die Homburger Blickachsen sind eine Schulung des Tastens.“

Ein besonderes Erlebnis sind die abstrakten Figuren von Venske & Spänle, die sich weiß und kühl von dem Rasengrün abheben. Finger streichen die Wülste und Rundungen entlang – eine „samtige“ Fläche. Während Künstlerin Wenzel von „Formschönheit“ spricht, ist Kroll überzeugt: „Das können wir nachmachen!“ Die Inspiration ist mit Händen zu greifen.

Allmählich weicht die Begeisterung über die aus Marmor hergestellten „Riese“ und „Zwerg“ dem fachlichen Austausch. Verschiedene Arten des Schmirgelns werden diskutiert, Härtegrate erörtert. „Ich arbeite meistens mit dem Stockerhammer“, sagt Elvi Lojewski, die vor sechs Jahren zur Gruppe kam. Bisher habe sie aus dem Speckstein „eher kleine Sachen“ gemacht: „Der Platz in unserer Werkstatt ist sehr beengt.“

In Zukunft werde man auch versuchen, mit Ton zu arbeiten. „Für einen richtigen Brennofen müssen wir aber noch sparen.“ Dass sich der Besuch gelohnt hat, steht außer Zweifel: „Wir sind immer ganz dicht am Material.“

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