Lade Inhalte...

Bad Homburg Kultschnaps erlebt Renaissance

Das Ehepaar Alles hat den Reichs-Post-Bitter wieder aufleben lassen – nach dem 175 Jahre alten Originalrezept.

Reichspostbitter Manufaktur
43 Kräuter und ein Kupferkessel: Heike und Stefan Alles setzen den Reichs-Post-Bitter an. Foto: Monika Müller

Mit einem großen Löffel rührt Stefan Alles durch den Kupferkessel. Darin: ein Sud aus 43 Kräutern, Blüten und Wurzeln - von Kamille über Lavendel bis hin zu Ingwer und Nelken aus Madagaskar. Ein internationales Gemisch, das seit 175 Jahren die Basis für den Reichs-Post-Bitter liefert, einen Kräuterlikör, den der Bad Homburger Hotelier und Gastwirt Fritz Scheller 1843 gemeinsam mit dem Inhaber der hiesigen Engel-Apotheke kreiert hat.

Gedacht war er seinerzeit in erster Linie als Stärkung für die Passagiere, die mit der Postkutsche in Dornholzhausen Station gemacht haben – daher der Name und das Postkutschen-Logo, mit dem der Likör heute noch beworben wird. Doch mit der Zeit und dem Aufstieg von Homburg zur Weltkurstadt fand der Reichs-Post-Bitter noch deutlich illustrere Kundschaft. Selbst die deutsche Kaiserfamilie, der russische Zar und der spätere englische König Edward VII. sollen ihn gekostet haben.

Grund genug für den umtriebigen Fritz Scheller, sich ein Patent für seine Spirituosenkreation ausstellen zu lassen. Als einer der Ersten im damaligen deutschen Reich überhaupt. Unter der Nummer „7“ wird der Reichs-Post-Bitter bis heute beim Patentamt geführt. Was bei Kontakten mit den Mitarbeitern dort immer wieder zu Verwirrung führe, wie Heike Alles amüsiert berichtet.

Inzwischen haben sie und ihr Mann sich so intensiv in die Geschichte des Reichs-Post-Bitters und seines Erfinders eingearbeitet, dass ihr Geschäft am Gluckensteinweg auch als Museum durchgehen kann. So finden sich in einer kleinen Ausstellung nicht nur alte Werbeschilder und Etiketten, sondern auch Bilder der Familie Scheller inklusive ihrem bekanntesten Mitglied: Schellers Tochter Sophie schrieb durch ihrer Heirat mit Adam Opel nicht nur Likör-, sondern auch Automobilgeschichte.

Aber auch Fritz Scheller selbst sei mehr als nur ein guter Geschäftsmann gewesen. „Er war ein echter Visionär“, schwärmt Stefan Alles. An der Kaiser-Friedrich-Promenade richtete der Unternehmer eine Fabrik ein, in der er nicht nur insgesamt 50 verschiedene Spirituosen herstellen ließ, sondern auch Essig und Senf. Auf dem Areal befand sich zuvor eine Kaserne – und heute das Finanzamt.

Die goldenen Jahre waren schon lange vorbei, als das Ehepaar Alles auf den Reichs-Post-Bitter und seine Geschichte aufmerksam wurde. Sie kamen in Kontakt mit Alfred Fackel, der die Produktion des Kräuterlikörs in den 60er-Jahren übernommen hatte, nun aber kurz davor stand, das Geschäft einzustellen.

Er habe sich von ehemaligen Mitarbeitern „alle Tipps und Tricks“ zeigen lassen“, sagt Stefan Alles. Auch die alten Destillen ließ er reparieren – und nach und nach erlebte der Reichs-Post-Bitter eine Renaissance.

Zunächst hatte das Ehepaar die Likörproduktion als eine Art Nebenerwerb betrieben, doch irgendwann standen die beiden vor der Entscheidung, ihre regulären Berufe als Veranstaltungsdesigner und Pyrotechnikerin aufzugeben und sich ganz dem Reichs-Post-Bitter zu widmen.

Dass sie den Sprung schließlich gewagt haben, sei „genau die richtige Entscheidung“ gewesen, versichert Stefan Alles. 2011 eröffneten das Paar am Gluckensteinweg eine „gläserne Manufaktur“, inzwischen nutzen sie dort die kompletten Räume einer ehemaligen Gärtnerei.

Das Geschäft laufe gut. Für die Bad Homburger seien sie mittlerweile „die Postis“, sagt Heike Alles. Für viele Einheimische sei der Reichs-Post-Bitter so etwas wie ein Kultgetränk. Viele hätten Geschichten zu erzählen, die sich um den Kräuterschnaps ranken, manche ließen sich ihre Bestellung sogar ins Ausland schicken. „Er ist nicht nur für uns, sondern auch für viele Kunden eine Herzensangelegenheit.“

Darunter seien auch jüngere Leute. Den typischen Reichs-Post-Bitter-Käufer gebe es nicht, erklärt Alles. „Das geht querbeet.“ Man habe einige Stammkunden, aber auch viel Laufkundschaft. Außerdem beliefert das Paar Gaststätten, Hotels und andere Händler. Schwerpunkte seien Bad Homburg und die umliegenden Orte, aber auch in der Wetterau und sogar in Frankfurt wird der Reichs-Post-Bitter wieder ausgeschenkt.

Der sei nicht nur ein hochprozentiger Genuss, sondern auch eine echte Medizin, versichert Stefan Alles und lacht. „Schon wenn man dran riecht, wird man per se gesund.“ Gute Laune ist in der Spirituosen-Manufaktur am Gluckensteinweg ohnehin an der Tagesordnung. Gerne führen Heike und Stefan Alles auf Anfrage Gruppen durch ihre Räume, in denen sie ihre Produkte nicht nur verkaufen, sondern auch direkt herstellen. „Die Tradition muss gezeigt und erklärt werden“, betont Stefan Alles.

Inzwischen haben sie ihr Portfolio ausgeweitet. Mit dem „Taunusbenzin“ gibt es einen weiteren Kräuterlikör, den das Ehepaar Alles selbst entwickelt hat. Außerdem haben sie in den alten Unterlagen von Fritz Scheller ein Gin-Rezept entdeckt, auf dessen Basis sie nun auch einen eigenen Wacholder-Schnaps herstellen. Vielleicht das nächste Kultgetränk?

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen