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Bad Homburg Hexenjagd in Homburg

Eine neue Gedenktafel neben dem Rathausturm erinnert an 76 unschuldige Opfer. Die Autorin Dagmar Scherf hat sich lange dafür eingesetzt.

Enthüllung Gedenktafel
Dagmar Scherf legt eine Rose an der Gedenktafel nieder. Foto: Michael Schick

Gerechtigkeit nach 400 Jahren“ steht auf der Gedenktafel neben dem alten Rathausturm. Sie erinnert an eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Bad Homburgs – und macht gleichzeitig deutlich, dass „Fake News“ keine Erfindung von Facebook, Twitter und Co. sind.

Mindestens 76 unschuldige Menschen wurden während des 17. Jahrhunderts in der damaligen Landgrafschaft Homburg wegen Hexerei hingerichtet, die meisten in der kurzen Zeitspanne zwischen 1652 und 1654.

„Das geschah nicht im finsteren Mittelalter“, sagt Dagmar Scherf, die sich seit den 70er Jahren intensiv mit der „Homburger Hexenjagd“ – so der Titel eines ihrer Bücher – beschäftigt. Seitdem hat die Friedrichsdorfer Autorin auch zahlreiche Einzelschicksale recherchiert.

Etwa das von der „Becker Anna“ aus Seulberg. Ihr war es sogar zwischenzeitlich gelungen, aus dem Gefängnis im Rathausturm zu fliehen, indem sie sich an einem Tuch aus dem Fenster abseilte. Sie kam bis in den Rheingau und verdingte sich dort als Erntehelferin im Weinbau. Doch die Sehnsucht nach ihren Kindern wurde ihr zum Verhängnis. Beim Versuch, sie wiederzusehen, wurde Anna Becker verhaftet, erneut eingesperrt und schließlich hingerichtet.

Dass es so weit kommen konnte, war dem allgemeinen Hexenwahn der Zeit und der speziellen familiären Situation im Homburger Fürstenhaus geschuldet: Dem Sohn der damaligen Landgräfin Margarete Elisabeth verstarb ein Sprössling nach dem anderen im Kindbett. „Heute würde man eine Erbkrankheit diagnostizieren, damals waren die Hexen schuld“, sagt Dagmar Scherf.

Hinzu kam, dass der Seulberger Pfarrer Zahnius wilde Schauergeschichten, die unter den Kindern des Ortes kursierten, akribisch dokumentierte und der Landgräfin Margarete Elisabeth zuschickte. In den Geschichten ging es um Teufelstaufen durch Bewohnerinnen des Dorfes. Die Landgräfin nahm die Gerüchte aus Kindermund für bare Münze. Folge: „1652 mussten die ersten Seulberger Frauen dran glauben“, schildert Dagmar Scherf.

Aber auch zuvor gab es in Stadt und Amt Homburg einzelne Verhaftungen und Hinrichtungen, als Erste traf es 1603 Else Pfraum, die Frau des Köpperner Bäckers Hen Pfraum. Ebenso wie die anderen Opfer der Hexenjagd, darunter 14 Männer, wurde sie im Rathausturm eingesperrt und dort festgehalten, bis sie zur Hinrichtung auf den Platzenberg gebracht wurde.

Dass nun neben dem Turm eine Gedenktafel an die damaligen Geschehnisse erinnert, ist für Dagmar Scherf der „Abschluss eines langen Kampfes“. Mit ihren Büchern, Hörspielen, Stadtrundgängen und dem Musikstück „Requiem für eine Hexe“ hatte sie immer wieder auf das Schicksal der unschuldig Getöteten hingewiesen.

2012 verabschiedete das Stadtparlament einstimmig eine Resolution, in der es die Opfer rehabilitiert und die Verfahren gegen sie verurteilt hat. Außerdem regte die damalige Kulturdezernentin Beate Fleige (BLB) an, ihrer mit einem sichtbaren Zeichen am Rathausturm zu gedenken. Ursprünglich hatte sie die Idee, dort ein umlaufendes Band mit den Namen der Ermordeten anzubringen. „Doch das hat das Denkmalamt nicht zugelassen“, so Fleige.

Nun erinnert eine schlichte Gedenktafel neben dem Turm an die Geschehnisse vor 400 Jahren. „Wir sehen uns moralisch verpflichtet, Menschen, denen durch die Hinrichtung wegen angeblicher Hexerei die Würde geraubt wurde, diese öffentlich zurückzugeben“, sagte Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) bei der Enthüllung.

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