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Bad Homburg Georg Schramm Rückkehr des Renitenten

Der Kabarettist Georg Schramm kommt auf Besuch in seine Heimatstadt Bad Homburg. Als Sohn eines Sozialdemokraten konnte er dort in den 50er Jahren nichts werden.

Auf dem alten Schulweg im Kurpark: der Kabarettist Georg Schramm. Foto: Martin Weis

Es ist unwirtlich, kalt und klamm im Kurpark. Wir laufen mit Georg Schramm auf seinem alten Schulweg. In einem Hinterhaus in der Louisenstraße hat er gewohnt, später in der Altstadt. Am Tennisclub ging er da täglich entlang, am Golfclub und dann an der Spielbank. Auf dem Weg in die Kaiserin-Friedrich-Schule, dort war er in seiner Klasse das einzige Arbeiterkind. Dem Reichtum der Stadt, dem der anderen in der Stadt, an dem kam man nicht vorbei.

Für den Fotografen stellt sich Georg Schramm vor die Augusta-Viktoria-Quelle. „Erwarten Sie nicht, dass ich lächle“. Dabei ist der agile 64-Jährige viel freundlicher als seine Figur Lothar Dombrowski, der fast rasend zornige Rentner. Schramm lässt sich blitzen und erzählt dabei von seiner Mutter, einer ungebildeten, aber gescheiten Frau. Zimmermädchen war sie und lehrte ihren jüngeren Sohn unter anderem diese Dinge: Hochdeutsch und die Liebe zu Sprache und Theater. Und sie hat ihn davon abgehalten Bankkaufmann zu werden: „Du wirst unglücklich“, habe sie gewarnt, „und natürlich hatte sie Recht.“

Im Kurtheater, dort wo Schramm drei Stunden später sein Programm „Meister Yodas Ende“ spielen wird, dort stand der 14-Jährige zum ersten Mal auf einer Bühne. Als Kulissenschieber, den Job hatte ihm seine Mutter besorgt. Oder er saß mit der Mutter oben im Rang, der zehn Jahre ältere Bruder war im Ensemble der Volksbühne aktiv.

Als Sohn eines Sozialdemokraten geächtet

Er hat ihn wohl sehr gemocht, den Bruder, der bis zu seinem Tod vor ein paar Jahren hier in der Stadt wohnte und früher beim Finanzamt im Vollzug arbeitete. Eigentlich wollte der Bruder Verkäufer werden, sagt Schramm, und erzählt dann etwas Ungeheuerliches, eine Demütigung, die erklärt, warum der junge Schramm früh wusste, dass er aus Homburg weg- und nie wiederkommen wollte. „Ich bin gerne gegangen.“

Der Bruder bekam eine Lehrstelle bei der Schuhhandlung Becker in der Louisenstraße. Nach zwei Wochen wurde die Mutter zum Lehrherrn bestellt. Der Bub entwickle sich gut, aber leider könne er es sich nicht leisten, den Sohn eines Sozialdemokraten als Lehrling zu behalten, sagte der Mann. So war es in Homburg in den 50er Jahren.

Der Bruder des Schuhhändlers vom gleichnamigen Schreibwarenhandel habe Druck gemacht, erinnert sich Schramm. Später, zum Abschluss seines Programms, nach elf Uhr im ausverkauften Kurtheater, wird Schramm die Geschichte noch mal erzählen und den Homburgern reinreiben, dass sie sich doch freuen können, wie weit die Stadt inzwischen gekommen sei, wo es jetzt hier einen Grünen Oberbürgermeister gebe.

Ob das sonst stets knallig lachende und halblaut „stimmt genau“ kommentierende Publikum diesen Schluss in toto auch so sah? Der Klassenfeind sitzt ja bekanntlich auch im Publikum und lässt sich vom Narren gern mal die Leviten lesen.

Schramms Vater August war Sozialdemokrat. Er ist der Rahmen für die Bühnenfigur des hessisch näselnden Sozi, der die Welt aus der Perspektive des kleinen Mannes betrachtet. Der tragische August ist aber nicht August Schramm, erklärt Georg Schramm und bleibt vor der Wandelhalle stehen, wo er Mitte der 80er mal einen kleinen Auftritt hatte. „Sehr schräges Programm“.

Er war Klassenkasper und Klassensprecher

„In der Rolle des August habe ich mich mit meinem Vater versöhnt.“ Dem Vater, über den es sonst nicht viel Positives zu berichten gibt. August war Alkoholiker und machte es der Familie nicht leicht. Aber Georg auch der Mutter nicht, die als Berlinerin von der hiesigen Verwandtschaft misstrauisch beäugt wurde. „Tu mir den Gefallen und bleib nicht sitzen“, sagte sie zum Sohn, der laut eigener Erkenntnis von „atemberaubenden Faulheit“ war.

Sitzen blieb er nicht, ein tolles Abi baute er aber auch nicht, wollte sich nicht rauskämpfen, besser sein. „Mein Ehrgeiz war, mich so benehmen zu können wie die anderen, ohne innerlich so zu sein wie die. Da half mein schauspielerisches Talent.“ Schramm war „Klassenkasper und Klassensprecher“, kein Klassenkämpfer. Das Renitente kam später.

Heimatverbundenheit dürfe man von ihm nicht erwarten, hatte der Kabarettist angekündigt. Das Wichtigste am Auftritt in Homburg war ihm die Begegnung mit einem alten Freund der Familie. Und natürlich wolle er es nicht vergeigen hier, auf der ersten Bühne, die er jemals betreten habe. Schramm liebt es, leise anzufangen, mag es nicht, wenn das Publikum dauernd klatscht, will Tragik entwickeln können. Den Gefallen tat ihm das Homburger Publikum nicht, das Spiel Dombrowskis mit der Tischglocke ist eigentlich gar keines.

Aber in Homburg ist auch der August zu Hause. Der Prototyp des aussterbenden Sozis wirkt nach Jahren der Jammerlappenexistenz in der Anstalt sehr agil, er hat Dombrowskis Rentnerzorn geatmet und geht jetzt Randale machen. Wunderbar.

Vielleicht hätte ihm und Georg Schramm gefallen, was kürzlich in der FR über einem Artikel zu einem Treff der SPD-Rentner in der Stadt stand, bei dem die Versammelten übrigens auch mit der Glocke zur Ruhe gerufen werden mussten: „Rüstig und dagegen“.

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