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Bad Homburg 14 Stunden an der Maschine

Thomas Pildner hat den Sprung vom Luftfahrt-Manager zum Drechsler gewagt. Für eines seiner Werke hat der Autodidakt den Hessischen Gestaltungspreis erhalten.

Drechsler Thomas Pildner
Thomas Pildner bei der Arbeit in seiner Werkstatt. Foto: Rolf Oeser

Die zufällige Begegnung mit einem alten Handwerker im indischen Delhi war für Thomas Pildner eine Art Erweckungserlebnis. Auf einer „abenteuerlichen Maschine“ habe der Sikh mit Geduld und Hingabe ein winziges Gefäß gedrechselt, schildert Pildner. Ihn habe das so fasziniert, dass er dem Mann „eine kleine Ewigkeit“ dabei zugeschaut habe. „Von da an hatte ich das Bedürfnis, etwas anderes zu machen.“

Zwar hängte er seinen gutdotierten Job als Manager in der Luftfahrtbranche nicht gleich an den Nagel, doch Thomas Pildner begann, sich intensiv mit allem zu befassen, was mit Holz, Bäumen und dem Drechslerhandwerk zu tun hatte. Er las Bücher, kaufte sich das nötige Werkzeug und lernte den früheren FR-Redakteur Peter Gwiasda kennen. Der vermittelte ihn an einen Drechsler in München, in dessen Werkstatt er eine Art Praktikum absolvierte.

Mit „Trial and Error“ habe er sich das meiste selbst beigebracht, schildert Pildner, der 2010 schließlich endgültig den Schritt vom Hobby zum Beruf wagte. Seine ersten Arbeiten seien noch sehr dilettantisch gewesen, gibt er zu. Doch das habe ihn nicht entmutigt. „Übung macht den Meister“, das gelte auch heute noch, findet der 60-Jährige.

Für manche seiner Arbeiten steht Thomas Pildner bis zu 14 Stunden nonstop an der Drechselmaschine, andere lässt er zwischendurch monatelang liegen, damit die Feuchtigkeit aus dem Holz entweichen kann. „Es bereitet mir eine tiefe Freude, mit dem Material zu arbeiten“, sagt er. Dabei strahlt er eine innere Ruhe aus, mit der er jeden möglichen Zweifel an seinem Berufswechsel zerstreut. Zumal er damit auch noch erfolgreich ist.

Gerade erst ist Thomas Pildner mit dem Hessischen Gestaltungspreis ausgezeichnet worden, der alle zwei Jahre für herausragende Arbeiten im gestaltenden Handwerk vergeben wird. Zwar habe er sich selbst dafür beworben, doch niemals daran geglaubt, dass er die Auszeichnung bekommen könnte, versichert Pildner. „Als ich die anderen Arbeiten gesehen habe, wollte ich am liebsten gleich wieder einpacken.“

Doch sein mächtiges Gefäß aus Mammutholz überzeugte die achtköpfige Jury so sehr, dass sie Pildner den ersten Preis in der Kategorie „Wohnen und Leben“ verliehen hat. Er folge der Holzstruktur wie ein Bildhauer und berücksichtige das spektakuläre Farbbild des Mammutholzes, heißt es in der Begründung.

Wie versteht er sich selbst – eher als Künstler oder Handwerker? Beides sei ihm wichtig, sagt Pildner, für ihn gebe es da keinen großen Unterschied. „Ich arbeite mit Holz.“ Das könne eine Roteiche, ein Bergahorn oder eben ein Mammutbaum sein. Nur harzhaltiges Holz sei zum Drechseln nicht geeignet.

Um den Rohstoff muss Thomas Pildner sich gar nicht mehr selbst kümmern. „Oft rufen die Leute bei mir an, wenn irgendwo ein Baum gefällt werden soll.“ Dadurch stapeln sich inzwischen so viele Holzblöcke in dem Kleingarten-Areal, in dem Pildner seine Werkstatt eingerichtet hat, dass er auf absehbare Zeit gar keinen Nachschub mehr braucht.

Im Gegenteil: Er versuche immer wieder, Bauherren davon zu überzeugen, die Bäume auf ihren Grundstücken stehen zu lassen. „Für mich ist der Baum ein Lebewesen“, betont Pildner. Er werbe dafür, achtsamer damit umzugehen.

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