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Theater in Darmstadt In die Rolle von Flüchtlingen schlüpfen

Jugendliche Asylsuchende begleiten Zuschauer auf eine sehr spannende Reise durch Darmstadt.

Theaterlabor in Darmstadt
Flucht-Gedanken: Theater hilft beim Rollentausch. Foto: Renate Hoyer

„Wenn die Polizei kommt, müsst ihr leise sein und euch ganz klein machen“, erklärt der Schlepper alias Ali Mohammed den 70 Flüchtlingen auf dem zwölf Meter langen Schlauchboot. „Wenn Wasser ins Boot kommt, müsst ihr es mit euren Schuhen herausschöpfen.“

Ali Mohammed ist kein echter Schlepper, das Boot ist nur mit Kreide aufgemalt, aber Ali Mohammed hat die Flucht am eigenen Leib erfahren. Wie wäre es, einmal in seine Rolle oder die anderer flüchtender Menschen zu schlüpfen? Selbst einen Aufnahmetest zu machen, mit dem Bus in eine Kaserne gekarrt zu werden ... In Darmstadt wird dies kommende Woche möglich: Das Theaterlabor INC. zeigt mit dem Stück „Merhaba – eine flüchtige Reise durch Darmstadt“ erstmals eine Performance, die eine Mischung zwischen biografischem und dokumentarischem Theater ist und bei der die Zuschauer zu Mitwirkenden werden, die von jugendlichen Flüchtlingen theatral und performativ auf eine Reise durch die Stadt begleitet werden.

„Wir drehen den Spieß um“, sagt Nadja Soukup bei einer Probe im Parkhaus Ludwigsplatz. Seit sechs Monaten üben sie und Max Augenfeld, die das Stück gemeinsam inszenieren, mit 21 unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen der InteA-Klasse der Alice-Eleonoren-Schule und 25 Schülern einer Klasse des Fachbereichs Sozialwesen. „Wir tun so, als würden die Zuschauer einen Asylantrag in Afghanistan stellen“, sagt Soukup.

Erste Station sind die echten Büros der Ausländerbehörde in der Grafenstraße. Dort werden die echten Flüchtlinge in die Rolle der Behördenmitarbeiter schlüpfen und die Teilnehmer auf Afghanisch ansprechen, um mit ihnen das Asylverfahren zu eröffnen. Weitere Stationen sind die Treppe vor Karstadt, ein Mahnmahl, der Bismarckbrunnen, das oberste Parkdeck des Parkhauses Ludwigsplatz, die Haltestelle Holzstraße und die Jefferson-Kaserne.

Während die Flüchtlinge den Zuschauern auch Details ihrer eigenen Flucht berichten, werden die einheimischen Schüler in die Rolle der Wutbürger schlüpfen, erklärt Augenfeld. Sie tragen weiße Masken, und ihre Texte sind Originalzitate von AfD und Identitären. „Aber auch die Ideen von Innenminister Thomas de Maizière zur deutschen Leitkultur haben uns inspiriert“, sagt Augenfeld.

„Es war anfangs ein komisches Gefühl, solche Nazisachen zu rufen“, sagt Schülerin Jasmin Fleischmann (21). Die beiden Schülergruppen haben sich erst Anfang der Woche kennengelernt. Seitdem haben die Einheimischen viel von den Flüchtlingen erfahren. „Das ist etwas anderes, als es im Fernsehen zu sehen“, sagt René Schwarz (21).

Auch die Flüchtlinge halten die Arbeit an dem Stück für eine „gute Erfahrung“, wie Fatima Yakou (17) aus Syrien sagt. Sie hat gerade eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre bekommen und will nun erst mal Deutsch lernen und dann vielleicht eine Ausbildung zur Arzthelferin machen. Sie hat Glück. Während der Probenzeit erhielten fünf Teilnehmer einen Ablehnungsbescheid.

Im Stück werden die Zuschauer nicht nur Fluchterfahrungen sammeln können, sondern auch Einflüsse aus den Herkunftsländern Afghanistan, Somalia, Eritrea und dem Irak mitnehmen können. So zeigt etwa Mohamed Samim Noori (18) einen Tanz, den er früher auf Partys in Afghanistan gerne tanzte. Und an einer Wand des Parkdecks steht auf Arabisch: „Freunde sind wie Sterne. Man sieht sie nicht, aber sie sind immer da.“

Aber auch umgekehrt erfahren Flüchtlinge und Zuschauer an einer Station etwas über die Darmstädter Brandnacht und wie auch Deutsche selbst die Flucht erlebten. Zwei Augenzeugen berichten und zeigen Bilder.

Neben aktiv teilnehmenden Zuschauern können auch nicht angemeldete Zaungäste die Aufführungen verfolgen. Allerdings nur bis zur Abfahrt des Busses an der Haltestelle Holzstraße, von wo die „Flüchtlinge“ in die Kaserne gebracht werden – unter Rufen des wütenden vermummten Mobs, der brüllt: „Abschieben! Abschieben!“

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