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Mörfelden-Walldorf Ein Dach für das KZ

Das einst durch Zufall wiederentdeckte KZ-Außenlager in Walldorf bekommt für 400.000 Euro einen Schutz vor Wind, Wetter und rechten Vandalen. Seit 14 Jahren graben Schüler und andere Engagierte die Überreste des Ortes nach und nach aus.

06.02.2013 21:54
Die Ausgrabungsstätte ist stummer Zeuge jüdischen Leids. Foto: Heimann

Wind und Wetter nagen an den freigelegten Teilen der ehemaligen KZ-Außenstelle Walldorf. Dort, wo von August bis November 1944 , während des nationalsozialistischen Regimes, 1700 ungarische Jüdinnen als Zwangsarbeiterinnen inhaftiert waren. Sie wurden gezwungen, eine betonierte Rollbahn für den Frankfurter Flughafen zu bauen.

Mehr als 200 Quadratmeter des einstigen Küchenkellers, wo Häftlinge von SS-Schergen schwer, manche bis zum Tod geprügelt wurden, sind seit 1998 vom Stadtmuseum und insbesondere von Schülern ausgegraben worden. Erste Überlegungen, wie man die Ausgrabungsstätte vor den Unbilden der Natur und vor Schändung schützen könnte, entwickelte die Mörfelden-Walldorfer Margit-Horváth-Stiftung bereits vor zwei Jahren – gemeinsam mit dem Architekten Heinrich Wagner.

Nun sieht die Stiftung eine Perspektive, dieses Projekt zu verwirklichen: Die „Stiftung Flughafen Frankfurt/Main für die Region“, eine Einrichtung des Landes Hessen, gewährt einen Zuschuss von 255000 Euro. Dies berichtete die Vorstandsvorsitzende der Margit-Horváth-Stiftung, Museumsleiterin Cornelia Rühlig, bei der Projektpräsentation im Mörfelder Rathaus. Die Baukosten schätzt Rühlig auf mehr als 400000 Euro.

Stiftung gibt 255.000 Euro

Die Finanzierungslücke sollen weitere Geldgeber stopfen: Von der Stadt Frankfurt, der Frankfurter Volksbank und der HSE-Stiftung habe die Horváth-Stiftung bereits Geld erhalten, so Rühlig. „Auch mit der Stadt Mörfelden-Walldorf sind wir immer mal wieder im Gespräch.“

Weitere potenzielle Geldgeber hätten Bereitschaft signalisiert, sich ebenfalls zu engagieren. Aus der Tatsache, dass die Überreste des Küchenkellers unterm Waldboden lagen, ehe junge Menschen sie freigelegt haben, ist gemeinsam mit Wagner eine architektonische Idee entstanden: Die Einhausung soll aus einem begrünten Schrägdach bestehen, das auf Erdniveau beginnt und sich bis auf eine Höhe von etwa 3,80 Meter erhebt – und so den „geöffneten Waldboden“ symbolisiert.

Weitere Ausgrabungen geplant

Die drei Seiten werden mittels Glas- und Holzwänden geschlossen: Glas, um Licht und Transparenz zu schaffen; Holz, um ans Barackenmaterial der ehemaligen KZ-Außenstelle zu erinnern – und als Hommage an den Wald, der die Ausgrabungsstätte umgibt. Wagner betonte die Bescheidenheit der Architektur, die nicht von der Bedeutung dieses historischen Orts ablenken soll: „Es ist ein Ort des Grauens“, sagte er.

Das Gebäude dient aber nicht allein der Bewahrung eines Relikts der Vergangenheit, wie Cornelia Rühlig ergänzte. Vielmehr sei der Blick auch in die Zukunft gerichtet, indem dort – wie auch in den vergangenen Jahren schon geschehen – mit jungen Leuten gearbeitet wird. Es sei beabsichtigt, Workshops und Tagesseminare, Kurse, Einzelveranstaltungen und mehrwöchige Projekte anzubieten. Dazu könnte ein mobiler Zwischenboden eingezogen werden, der die Ausgrabungsfläche während der Veranstaltungen abdeckt, erklärte Rühlig.

Bei der Themenwahl würden die Nazi-Diktatur, vor allem die Verbrechen an Menschen jüdischen Glaubens, eine besondere Rolle spielen. Grundsätzlich könne es aber auch darum gehen, wie heutige Mehrheitsgesellschaften mit Minderheiten umgehen. Die Geschäftsführerin der Flughafenstiftung, Jutta Nothacker, begrüßte dieses pädagogische Konzept, das wertvoll fürs Demokratieverständnis junger Leute sei.

Eines ist Cornelia Rühlig wichtig: „Die Ausgrabungen sind nicht beendet, indem wir dieses Gebäude errichten.“ Vielmehr sei die Einhausung so konzipiert, dass sie erweitert werden könne. (dirk.)

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