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Karnevalsschlager Auf ewig Rucki-Zucki

Seit vier Jahrzehnten ist "Rucki-Zucki" nicht mehr aus dem Karneval wegzudenken. Komponiert hat den Dauer-Hit ein Darmstädter: Sepp Gußmann. Nach über 60 Jahren will der Musiker nun abtreten.

21.02.2009 00:02
MICHAEL GRABENSTRÖER UND EVA MARIE STEGMANN
Er lebt die Blasmusik: Sepp Gußmann. Foto: Diana Djeddi/FR

In Mainz, jenseits des Rheins, feiern sie in diesem Jahr Ernst Neger. 100 Jahre wäre er alt geworden. Neger hat eine eigene Ausstellung im Fastnachtsmuseum. Der singende Dachdeckermeister, wie sie ihn nannten, beherrscht noch immer mit seinen Klassikern die närrischen Säle. Und immer mit dabei: der unvergängliche Karnevalshit Rucki-Zucki, den Neger so gerne sang und populär machte.

Geschrieben hat den Hit jedoch ein Darmstädter - Sepp Gußmann. "Rucki-Zucki-Komponist" steht auf seinen Visitenkarten, auf die nur eine kleine Auswahl seiner Referenzen passt - vom Krone-Bau in München bis zum Oktoberfest in Belgien.

Die Trompeten-Töne klingen noch ein wenig "eingerostet", als Gußmann das Mundstück an seine Lippen setzt. Schließlich lag das Instrument im Trompetenkasten schon seit Stunden unterkühlt im Kofferraum seines Autos. Gußmann ohne Trompete unterwegs - unvorstellbar. Aber eine kalte Trompete gibt noch keine warmen Töne von sich. Doch bald zeichnet sich die Melodie ab - rau, krächzend, ein wenig stolpernd blechern, aber man kann sie erkennen: Rucki-Zucki. Dieses Lied gehört seit bald vier Jahrzehnten zu den närrischen Oldie-Klassikern, ging mit Beginn der 70er Jahren in Ohren, Arme und Beine. Ein Karnevalshit mit Dauerbrenner-Charakter, eine Gußmann-Komposition.

Gußmann, in seiner bayrischen Trachtenweste nach eigenen Entwürfen, der gerade seinen 81. Geburtstag feierte, lebt in der Merckstraße in Darmstadt, in einem der wenigen Häuser, die die Bombennächte überstanden haben. Das Wohn- und Geschäftshaus, ein Denkmal aus der Vergangenheit, und Gußmann selbst eine Ikone der Blasmusik.

Gußmann als Big-Band-Leiter, Gußmann mit großem Blasorchester, Gußmann mit seinem Circusorchester. Der Mann lebt Blasmusik, nicht nur wenn er im feschen Bayern-Look seinen Mannen bei Festzügen voranschreitet - kniefrei in Kniebundhose und Trachtenstrümpfen, den Taktstock schwingend.

Gußmanns Wohnung ist eine einzige Erinnerungsstätte an 60 Jahre mit der Musik. Gußmann am Bass in Bars, Gußmann an der Trompete, Gußmann mit kleiner Besetzung, Gußmann mit großem Blasorchester, Gußmann mit dem legendären Max Greger, Gußmann in Zirkusuniform mit Christel Sembach-Krone oder Roncalli-Chef Bernhard Paul. Auftritte, die in bisher 71 Erinnerungsbände allein für das Orchester passen, eingezwängt zwischen Hunderten von Autogrammen, die sich der gesellige Star der Volksmusik von anderen Prominenten holte.

Blasmusik verbindet. Noch immer aber kann Gußmann sich nicht erklären, wieso in den Festzelten 3000, 4000 Menschen und mehr auf Stühlen und Tischen zappelten, wenn er sein Rucki-Zucki vortrug. Ein Hit, ein Evergreen. Dem Komponisten ist die Freude anzumerken. Er erinnert sich, wie es in Belgien war - in einem Festzelt. Fernsehen und Rundfunk hatten Rucki-Zucki dort gerade in jedes Wohnzimmer getragen, die Stubenhocker munter gemacht. Alle wollten es hören - das Original vom Komponisten. Gußmann musste einen Notruf nach daheim absetzen: "Nachlieferung von Tonträgern!"

Rucki-Zucki wird immer noch gespielt, allerdings nicht mehr so häufig, berichtet Gußmann. Das merkt er an den Tantiemen, die noch eintrudeln. Ein paar Euro seien es bei der letzten Überweisung gewesen. Doch zu Karneval, da ist der Song wieder all überall auf den Straßen zuhause. Das Lied geht immer noch in Arm und Bein. Allerdings in Mainz, dort im Neger-Land, hat er es noch nie gespielt. Dort erinnern sie eher verschämt daran, dass der Songwriter, der zur Zeit seine Narrenorden - darunter auch Mainzer - sortiert, aus Darmstadt kam.

Gußmann denkt inzwischen darüber nach, mit seinem Orchester Schluss zu machen, seine aktive Zeit zu beenden. Der Karneval 2009, bei dem er in Frankfurt wieder die Hausband stellt, soll das Ende bedeuten - ein Abschied von der Bühne, aber nicht von den Erinnerungen, die das Leben des Bayern, der ein Südhesse geworden ist, mit Musik und guter Laune prägten.

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