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Jüdisches Museum Zurück im Leben

Das neu gestaltete jüdische Museum verleiht der Erinnerung eine Stimme.

02.02.2013 21:56
Der Judenstern ist ein stummes Symbol der Unterdrückung. Foto: Völker

Der Holocaust hat dem jüdischen Volk doppelt Unrecht zugefügt. Nicht genug, dass sich Juden beispielloser Verfolgung ausgesetzt sahen. Über das historische Verbrechen hinaus ist ihre Identität auf alle Zeit mit dieser Opfergeschichte verknüpft. Von welcher Seite auch immer man sich dem Judentum nähert: Der Weg führt nach Auschwitz.

Der jüdische Tod stellt sich so stets vor das jüdische Leben. Aber es ist das Bewusstsein, das Gespür für das Zwanghafte dieser Sicht, was allmählich ein Umdenken beim Gedenken bewirkt – und die Museumspädagogik zu neuen Ansätzen bringt, inhaltlich wie konzeptionell.

Möglich wurde das vielleicht auch, weil die Erinnerungsarbeit allmählich von einer Sache der Opfer zu einer Sache der Täter wird. Und weil sich die jüdischen Gemeinden nach 1989 füllten – mit Menschen, denen der Holocaust oft ebenso fern war wie die Traditionen jüdischen Lebens, die rituellen wie die familiären.

Die spezifische Wärme, die dieses Leben einst geprägt hatte, gebe es nicht mehr, klagte Hannah Arendt noch 1964. „Dieser Verlust war der Preis der Freiheit“ – der Preis, den jene gezahlt hatten, denen die Emigration gelungen war. Zum Glück behielt Hannah Arendt nicht recht. Wer das umtriebige, vielgestaltige Leben gerade in der Darmstädter jüdischen Gemeinde kennt, weiß, dass diese Wärme wiedererstanden ist – anders, doch nicht weniger familiär. Eine Rekonstruktion.

In diesem Sinne ist auch das neue Jüdische Museum eine Rekonstruktion. So wie die Darmstädter Künstlerin Ritula Fränkel es in zweijähriger Arbeit gestaltet hat, verweist es nicht nur auf den Wert des Gezeigten, sondern auch auf den Wert des Zeigens selbst. Aus der Präsentation von eher zufällig Bewahrtem ist die erläuternde Darstellung der Dinge geworden, deren Zusammenschau anfängt, Geschichte zu erzählen.

Von „stummen Zeugen“ sprach man früher. Bei Ritula Fränkel sprechen die Dinge tatsächlich. Der große Koffer, gefüllt mit den Habseligkeiten der Emigration – Teddybär und Puppenkleid, Niveadose und Judenstern – ist an sich schon berührend. Doch wenn man die Schubfächer öffnet, meldet sich eine Stimme aus der Gegenwart und berichtet vom Schicksal jüdischer Familien aus Darmstadt.

Schicksale aus Darmstadt

In den Vitrinen steht nichts mehr für sich allein. Die rituellen Gegenstände werden zum Leuchten gebracht: das Widderhorn oder der Zeiger, der beim Deuten in der Tora die menschliche Hand verlängert. Immer aber wird zugleich auf den Gebrauch verwiesen – und jene, denen der Gebrauch vertraut war. Der Haufen Gebetbücher bezeugt religiösen Alltag; weil es aber die vor der Flucht zurückgelassenen Bücher sind, wird zugleich der Menschen erinnert, die gerade nur ihre Haut vor den Deutschen hatten retten können.

Weder der Museumsraum noch die Zahl der Exponate ist wesentlich größer geworden. Die ästhetisch überzeugende, pädagogisch behutsame Neuordnung aber macht alles anders. So hat Ritula Fränkel fortgesetzt, was ihr 2001 mit der überwältigenden Ausstellung „X-odus“ (gemeinsam mit ihrem Mann Nicholas Morris) gelungen war und sich dann bei der Gestaltung der Gedenkstätte Liberale Synagoge wiederfand: das subtile Spinnen eines Lebenswegnetzes, dessen Fäden in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschlagen sind. (ers.)

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