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Jüdische Gemeinde Vom Leben in der zweiten Heimat

In der jüdischen Gemeinde thematisiert ein Bildtagebuch Leben und Fühlen russischer Migranten in Deutschland. Geführt hat es die Künstlerin Julia Bernstein, die mit dem Ausgezogenen gesprochen hat.

19.06.2009 00:06
Astrid Ludwig
In der jüdischen Gemeinde thematisiert ein Bildtagebuch Leben und Fühlen russischer Migranten in Deutschland. Geführt hat es die Künstlerin Julia Bernstein, die mit dem Ausgezogenen gesprochen hat. Foto: Monika Müller

Eine Frau, die Lippen geschürzt, die Beine übereinander geschlagen, sitzt zusammengesunken auf einem Hocker. Es ist eine Federzeichnung, wenige Linien nur, mit schneller, sicherer Hand geführt. "Das ganze Leben besteht nun aus zwei Teilen - vor und nach der Migration, das vorherige und das gegenwärtige Leben" steht als Zitat darunter zu lesen. Daneben findet sich die russische Übersetzung.

Zwei lange Flure im jüdischen Gemeindezentrum füllen diese eindrücklichen Zeichnungen, deren Wirkung sich vor allem durch die Bild-Text-Kombination entfaltet. Die Künstlerin Julia Bernstein hat für ihre kulturanthropologische Doktorarbeit zwei Jahre lang russisch-jüdische Migranten über ihr Leben und Fühlen in Deutschland befragt. Während der Interviews sind Zeichnungen entstanden, die nun im Gemeindehaus als "Migrationscollagen" ausgestellt sind.

Persönliches Tagebuch

Ein Bildtagebuch nennt die Frankfurterin ihre Arbeit. Ein Tagebuch, das ganz persönliche Einblicke in das Leben der Migranten, vor allem aber in ihre Gefühlswelt gibt: die Verletzlichkeit, Entwurzelung und das Minderwertigkeitsgefühl, das sich mit Arbeits- und Sprachlosigkeit im neuen Land einstellt.

Ein Mann mit Hut und Brille, verschränkten Armen vor der Brust blickt auf Bernsteins Zeichnung unglücklich drein. Seine Mundwinkel zeigen steil nach unten. "Sie denken, wenn du nicht gut Deutsch sprichst, bist Du ein Vollidiot, verstehst du auch nichts vom Leben im Allgemeinen und hast keine Bildung", steht darunter zu lesen.

Johanna Fränkel vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde hat die Ausstellung von Julia Bernstein mit Bedacht gewählt. Die 700 Mitglieder starke Gemeinde ist vor allem durch Migranten aus Russland und Osteuropa geprägt. "Wir wollen einfach zeigen, wie schwer es am Anfang für viele von ihnen war", sagt sie.

Auch wenn die Bilder und Zitate nicht Darmstädter Gemeindemitglieder porträtieren, so haben sie doch ähnliche Erfahrungen gemacht. "Viele haben geschmunzelt, haben vielleicht ein wenig Heimweh bekommen oder sich an die Peinlichkeiten der Anfangszeit erinnert", sagt die 83-Jährige.

Die Ausstellung offenbart laut Bernstein aber auch die "unterschiedlichen, oft widersprüchlichen Realitäten und sozialen Welten". So zeigt eine ihrer Collagen eine herausgeputzte Frau in einer deutschen U-Bahn, umgeben von Pappkartonfetzen russischer Süßwaren. "In Russland", erzählt Johanna Fränkel, "machen sich die Menschen schön, wenn sie auf ein Amt gehen, weil sie einen guten Eindruck machen wollen." Eine Migrantin der Gemeinde trug also all ihren Schmuck beim Gang zum Sozialamt - woraufhin die Mitarbeiterin ihren Antrag erst mal ablehnte. Unterschiedliche Welten.

Geburtswehen

Ira Vetrova ist Russin und Mitarbeiterin der Gemeinde. Beim Anblick der Ausstellung hat sie "komplizierte Gefühle". Sie kam vor vielen Jahren nach Darmstadt - mit unerschütterlichem Optimismus. "Ich habe mich viele Jahre darauf vorbereitet", erzählt sie. "Ich wusste genau, was ich wollte und hatte nie Heimweh." Das Einleben in der neuen Heimat beschreibt sie dennoch als "Schwierigkeiten wie bei einer Geburt".

Ein Schicksal als Vertriebene hat auch Johanna Fränkel. Die Oberschlesierin kam als KZ-Überlebende nach Darmstadt und wollte in die USA emigrieren. Die Staaten verwehrten die Einreise, weil ihr Mann, der fünf Lager überstanden hatte, lungenkrank war. Sie gründeten die jüdische Gemeinde, anfangs mit sechs Mitgliedern. "Wenn es die russischen Migranten nicht gäbe, würden viele jüdischen Gemeinden heute nicht existieren", ist sie sicher.

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