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Heimerziehung Gewalt statt Fürsorge

Eine Ausstellung widmet sich der hessischen Heimerziehung von 1953 bis 1973. Sie schildert den mühsamen Weg der Pädagogik aus einer gewaltbelasteten Vergangenheit.

27.02.2013 22:02
Kinderheim in Bad Homburg. Foto: Michael Schick

Züchtigung, Arrest, Zwangsarbeit – denkt man dabei an den Alltag von Kindern? Doch genau das widerfährt der kleinen Luisa, die Anfang der 60er Jahre ihrer kranken Mutter weggenommen und in ein Fürsorgeheim gesteckt wird: Freiheitsentzug, Unterordnung in einem harten Regime der Erzieherinnen – in diesem Fall katholischer Nonnen.

Wer nicht angepasst war, galt als auffällig. Und wer auffällig war, gehörte weggesperrt: Nach dem selben Prinzip wie in der Psychiatrie funktionierte jahrzehntelang auch die Jugendfürsorge. Eine Ausstellung am Elisabethenstift befasst sich mit dem Thema. Unter dem nüchternen Titel „Heimerziehung in Hessen 1953 bis 1973“ schildert sie den mühsamen Weg der Pädagogik aus einer gewaltbelasteten Vergangenheit – hier am Beispiel des Landeswohlfahrtsverbands.

Belastet ist der Zeitraum gleich doppelt. Zunächst durch die sogenannte Schleppe des Nationalsozialismus. Unter den Nazis pervertierte das ohnehin schon autoritäre System wilhelminischer Besserungsanstalten zum Bindeglied totaler Herrschaft: Kinderheime waren die Konzentrationslager der Kleinen, und auch dort war der Weg von der Aussonderung zur Tötung kurz.

1,5 Millionen Halbwaisen

Das Personal dieser Anstalten wurde umstandslos in die Heime der Nachkriegszeit übernommen. Die standen vor einer neuen Aufgabe: Durch den Krieg waren in Deutschland 1,5 Millionen Kinder zu Halbwaisen geworden, Hunderttausende zu Flüchtlingen.

Eine ganze Generation Heranwachsender war zudem durch extreme Gewalterfahrungen geprägt. Dem stand die Pädagogik ratlos gegenüber – Kinder, die in vaterlosen und heimatlosen Familien „auf die schiefe Bahn“ gerieten, wurden nach bekanntem Rezept weggesperrt.

Das Jugendwohlfahrtsgesetz gab den Gerichten jede Menge „Einweisungsgründe zur Beseitigung der Verwahrlosung“ an die Hand: „Herumtreiberei“, „Lügenhaftigkeit“, „Kontakt zur Besatzungsmacht“, „Triebhaftigkeit“, „Schulbummelei“, „primitiver Charakter“, „Kontakt zum anderen Geschlecht“. Haltlose Kinder stießen auf hilflose Erzieher.

Das mündete nahezu zwangsläufig in Aggression. Schläge und psychische Gewalt waren in den Heimen an der Tagesordnung. Die Sanktionen reichten von Ausgangs- und Urlaubssperre bis zum Einschluss in der „Besinnungszelle“. In der Ausstellung ist von einem „Vergeltungsstrafrecht mit allen Härten“ die Rede. (ers.)

Die Ausstellung in der Pädagogischen Akademie am Elisabethenstift, Stiftstraße 41, ist bis zum 14. März montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr zu sehen.

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