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Häusliche Gewalt verhindern Schutz vor Beziehungstat

Wenn ein Mann in einer Beziehung gewalttätig wird, ist das Risiko für die Frau groß. Immer wieder töten Männer ihre Partnerin. Eine solche Tat kommt meist nicht aus heiterem Himmel. Eine neue Software soll helfen, das Risiko besser einzuschätzen.

08.06.2012 13:36
Ein Mann erhebt die Hand gegen seine Ehefrau (Symbolbild). Foto: dpa/dpaweb

Im Jahr 2011 wurden in Deutschland 153 Frauen von ihren Männern, Freunden oder früheren Lebenspartnern getötet. Siebzig Tötungsdelikte an Frauen, darunter zwei aus Darmstadt, hat der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann zusammen mit seiner Kollegin Justine Glaz-Ocik detailliert untersucht. Die beiden Psychologen gehen davon aus, dass sich das Risiko für tödliche Gewalt gegen Frauen schon im Vorfeld erkennen lässt. Dafür entwickelten sie das Software-Programm DyRiAs, eine Abkürzung für Dynamisches Risiko Analyse System. Für ihre wissenschaftliche Arbeit stellten ihnen Staatsanwaltschaften aus dem ganzen Bundesgebiet Polizei- und Gerichtsakten zur Verfügung. „Das Aktenstudium war bedrückend“, sagt Hoffmann, der in Darmstadt das Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement leitet. Bedrückend, weil sich die Protokolle wie Chroniken eines angekündigten Todes lesen.

Bei der Analyse der Fälle zeigten sich oft die gleichen Muster. Zum Beispiel redeten die späteren Täter von ihren Frauen oft schon in der Vergangenheitsform, als diese noch lebten. Fast jede der Beraterinnen für gewaltbedrohte Frauen, die Hoffmann zum Thema interviewte, hatte bereits eine Klientin gehabt, die später umgebracht worden war. Immer gab es warnende Vorzeichen. Hoffmann: „Eine solche Tat kommt so gut wie nie aus heiterem Himmel“.

Das Programm setzt voraus, dass eine bedrohte Frau Hilfe von außen sucht: bei Beratungsstellen oder der Polizei. Dann können die geschulten Fachkräfte mit ihr den vorgegebenen Fragenkatalog durcharbeiten.

Die Antworten auf 39 Fragen ermöglichen eine Risikoeinschätzung in sechs Stufen von Grün (keine Gefahr) bis dunkelrot (hohes Risiko).

Kein einheitliches Täterprofil

Weil das Programm von einem Anwender-Netzwerk benutzt werden soll, etwa von Beratungsstelle, Polizei und Staatsanwaltschaft, ist es allgemeinverständlich formuliert. Alle beteiligten Stellen können immer den neuesten Stand der Informationen anfordern. Fallbeispiele, die ständig aktualisiert werden und sich auf bestimmte Faktoren beziehen, dienen zu Orientierung.

Ein einheitliches Täterprofil konnte Hoffmann bei seinen Untersuchungen nicht erkennen: Bei den Männern sei die ganze Bandbreite von schüchtern bis „Hoppla, jetzt komm ich“ vertreten gewesen. Auch die Dauer der Beziehung war nicht maßgebend: Sie reichte von einer Nacht bis zu vielen Jahren.

Das Programm sei ein Einschätzungsinstrument, ein fachübergreifendes Werkzeug für Fachpersonen, erklärt Hoffmann, aber es könne keine Tat verhindern. Auch das Strafrecht sei nur einer von vielen Bausteinen. Manchmal müssten die Frauen zu ihrer eigenen Sicherheit untertauchen. Manchmal sei eine „Verhaltensbeeinflussung“ des potenziellen Täters sinnvoll, etwa durch eine Therapie.

In der Schweiz und in Österreich, sagt Institutsleiter Hoffmann, werde die Software aus Darmstadt bereits in Gewaltschutzzentren angewandt. Ab diesem Monat werden auch in Deutschland ein- bis zweitägige Ausbildungsseminare zum Thema „DyRiAS Intimpartner“ angeboten. (pyp).

Kontakt: Das Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement ist unter der Nummer 06151/20213 erreichbar.

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