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Frieden im Kleinen, Wirkung im Großen

Darmstadt Im Jugendhof Bessunger Forst treffen sich Israelinnen und Palästinenserinnen zu ihren "Ferien vom Krieg"

26.08.2008 00:08
Von MICHAEL FÜTTERER

Der Bessunger Forst ist ein friedlicher Ort. Keine Bomben, keine Selbstmordattentäter, keine Panzer. Seit fast zwei Wochen lachen, spielen, streiten in dem Jugendhof auf der Darmstädter Gemarkungsgrenze zu Roßdorf 36 junge Frauen miteinander, Israelinnen und Palästinenserinnen aus dem Westjordanland. Die Jüngste ist 19, die Älteste 30 Jahre alt.

"Die Begegnung ist besonders bemerkenswert, weil sich in der Regel nur Israelis und in Israel lebende Palästinenser treffen", sagt Helga Dieter. Die Frankfurterin organisiert für das "Komitee für Grundrechte und Demokratie" zusammen mit ihrer Schwester Wilfriede zum zweiten Mal die Begegnung "Ferien vom Krieg". "Gespräche zwischen beiden Seiten finden sonst nur auf offizieller Ebene statt, und da sind es Männer", sagt Helga Dieter.

In kleinen Gruppen von je sechs Israelinnen und Palästinenserinnen sowie zwei Teamerinnen tauschen sie sich über ihre Erlebnisse im Israel-Palästina-Konflikt aus. Der Großvater von Alina, die wie alle Teilnehmerinnen ihren Namen aus Angst vor Anfeindungen in der Heimat geändert haben möchte, konnte nicht operiert werden. "Israelische Grenzposten haben ihn nicht durchgelassen. Jetzt kann er nicht mehr sehen", sagt die Palästinenserin. Eine israelische Teilnehmerin verlor ihre Schwester bei einem Anschlag.

Die Teilnehmerinnen erleben den Konflikt jeden Tag. "Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns austauschen", sagt die Israelin Lilith. Sie will herausfinden, wie die andere Seite denkt. "Unsere Regierungen sehen sich nur als Bedrohung an", sagt sie. Dieses Denken müsse aufgebrochen werden. "Wenn die Angst weicht, wird der Blick auf die Realität frei und wir können eine Lösung finden." Lilith hofft, dass eine solche Begegnung bald auch in Israel und Palästina möglich ist.

Misstrauen abbauen

"Der Austausch persönlicher Erfahrungen ist sehr tränenreich," sagt Wilfriede Dieter. Zu Beginn der Projekttage müssten sich die Teilnehmerinnen erst kennenlernen und ihre Scheu voreinander ablegen. "Jeden Morgen führen Palästinenserinnen und Israelinnen eins zu eins Gespräche miteinander", sagt Wilfriede Dieter.

Die jungen Frauen können reden, worüber sie wollen. "So bauen wir Vertrauen auf", sagt sie. "Erst haben sich sie nicht mal gegrüßt, jetzt lachen sie miteinander." Dennoch werden auch heikle Themen besprochen. Dalia und Ruth diskutieren, ob Palästinenser, die Anschläge verüben, Terroristen oder Freiheitskämpfer sind. Dalia verurteilt die Methoden ihrer Landsleute, bringt ihnen aber auch Verständnis entgegen: "Sie sehen für sich keine Zukunft und opfern sich für ihr Land." Als Ruth ihr vorwirft, sie rechtfertige das Töten Unschuldiger, greift Judith aus Jerusalem ein: "Dalia versteht, warum jemand so etwas tut. Das Töten versteht sie nicht."

Helga und Wilfriede Dieter mussten große Widerstände überwinden, um die Begegnung zustande zu bringen. Wegen der häufigen Kontrollen dauerte die Reise der Palästinenserinnen fast drei Tage. "Teile der israelischen Friedensbewegung rieten uns sogar von der Begegnung ab", sagt Helga Dieter. "Sie fürchteten, es könnte Gewalt ausbrechen, wenn es einen Anschlag in Israel gibt", sagt ihre Schwester. "Gespräche sollten nur auf Expertenebene geführt werden."

Bei den ersten "Ferien vom Krieg" vor 14 Jahren trafen sich Jugendliche vom Balkan. In den letzten Jahren begegneten sich Israelis und Palästinenser. Über 11 000 junge Erwachsene haben bisher an diesen Treffen teilgenommen, die sich nur über Spenden finanzieren. Noch nie kam es dabei zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. "Wir müssen Verständnis für die Sichtweise der Anderen zeigen", sagt Alina. "Wenn wir das nach Hause tragen, können wir vielleicht große Veränderungen bewirken."

Weitere Informationen unter: www.ferien-vom-krieg.de

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