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Flüchtlinge in Darmstadt Hilfe für die Helfer

In einem Workshop bereiten sich ASB-Helfer auf die Arbeit mit Flüchtlingen vor. Wertschätzung und das Akzeptieren auch von Leistungsgrenzen spielen eine große Rolle, damit die anfängliche Euphorie nicht in Verschleißerscheinungen mündet.

27.12.2015 18:49
Flüchtlingshelfer-Training an der Hirtengrundhalle mit Samuel Meffire. Foto: Guido Schiek

Wenn Spannungen in einer Flüchtlingsunterkunft aufkommen, kann das mit der kulturellen Prägung oder der Ausnahmesituation zu tun haben, in der sich die Betroffenen befinden. Wie man damit umgeht, damit beschäftigten sich ASB-Mitarbeiter der Eberstädter Notunterkunft Hirtengrundhalle in einem Workshop.

Man stelle sich folgende Situation vor: Eine Helferin soll einen afghanischen Flüchtling zum Arzt fahren, doch der weigert sich, zu ihr ins Auto einzusteigen. Sie vermutet sofort, das liegt an seiner kulturellen Prägung und dass er Frauen nicht als gleichberechtigt betrachtet. Doch in Wirklichkeit will er die Frau nicht diskriminieren, sondern schützen vor einer möglichen Rufschädigung.

Dieses Beispiel führt Hanna Kötter an für eine Erkenntnis, die sie mitnimmt aus dem Workshop „Kommunikation in Notunterkünften“ in der Hirtengrundhalle. „Es geschah aus seiner Sicht also aus gutem Grund“, bilanziert die Sozialdienstmitarbeiterin des „Arbeiter Samariter Bunds“ (ASB), Träger der Flüchtlingseinrichtung in Eberstadt. Das Handeln des Mannes müsse man weniger mit Blick auf seine Herkunft bewerten, sondern auf die persönliche Ebene herunterbrechen.

Externe Trainer übernehmen die Schulung

Mit solchen Situationen haben sich Helfer der Hirtengrundhalle unter Anleitung externer Trainer erstmals im Rahmen einer Aktion des ASB-Bundesverbands beschäftigt, die seit November bundesweit angeboten wird. „Wir brauchen Unterstützungssysteme für unsere Mitarbeiter“, erläutert Sabine Schaub, Bereichsleiterin Flüchtlingshilfe im Rahmen der sozialen Dienste. Viele arbeiteten das erste Mal in dieser Intensität mit Flüchtlingen. Und nachdem es nun in den ersten Wochen regelrecht „von 0 auf 100“ vorwiegend um den Aufbau der Unterkunft gegangen sei, wolle man nun auch mal innehalten und reflektieren.

„Es gibt Teile des Teams, die großen Drucksituationen ausgesetzt sind“, stellt der Kriminalist Samuel Meffire im Anschluss an den Workshop am Freitag fest. Die ASB-Mitarbeiter wollten anderen helfen, achteten dabei aber wenig auf sich selbst. Anfangs sei die Euphorie groß, aber in der Langstrecke komme es zu Verschleißerscheinungen und Konflikten.

Abhilfe könne geschaffen werden, indem man an seiner Haltung sich selbst und den anderen gegenüber arbeite. Wertschätzung und das Akzeptieren auch von Leistungsgrenzen spielten da eine große Rolle. Das gelte auch im Umgang mit den Bewohnern, die ebenfalls einem besonderen Druck ausgesetzt seien. „Alle diese geschlossenen Settings bringen gewisse Verhaltensweisen hervor“, betont Meffire. Das sei in einer Flüchtlingsunterkunft ähnlich wie beispielsweise in manchem Jugendheim.

„Man ist mit vielen Menschen zusammengezwängt, die man sich nicht aussuchen kann“, erläutert er. Und dann noch die fehlende Privatsphäre und die ungeklärte Bleibeperspektive, das führe zu einer „in Teilen gesteigerten Reizbarkeit“. Florian Albrecht kann das nachvollziehen.

„Diese permanente Angespanntheit, das macht die Leute fertig“, erzählt der Leiter der Notunterkunft. Das entlade sich zum Beispiel bei der Materialausgabe, wo alle die eine Handcreme wollten, obwohl es auch noch andere gebe. Hier hat ihm der interkulturelle Workshop eine wichtige Erkenntnis beschert: Als Deutsche wollten wir immer alles erklären, aber da sollte man nicht rumdiskutieren. „Das ist noch so eine falsche Zurückhaltung, die man an den Tag legt.“

Ihm sei klarer geworden, dass Mimiken oder Handlungen teils einer kulturellen Prägung entsprächen und etwas ganz anderes bedeuteten als bei uns. So kämen einem viele Bewohner beim Reden nah oder fassten einen gar an. Das sei für distanzierter auftretende Deutsche unangenehm, drücke aber kein Mangel an Respekt aus. Doch viele Handlungen seien auch schlicht der Situation oder der Persönlichkeit geschuldet, wie Samuel Meffire betont: „Oftmals hat das weniger mit der kulturellen Prägung zu tun, als wir glauben.“ (aw)

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