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Enteignung durch Nazis verschwiegen Ein Kaufhaus, viele Geschichten

Wenn der Kaufhof heuer sein 80-jähriges Bestehen feiert, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass er 1928 als "Kaufhaus Tietze" eröffnete. Die Nazis enteigneten den jüdischen Kaufmann 1933 und gaben dem Kaufhof seinen heutigen Namen. Von Frank W. Methlow

12.09.2008 00:09
FRANK W. METHLOW
Massenandrang bei der Eröffnung des heutigen Darmstädter Kaufhofs am 13. Oktober 1953. Foto: Privat

Darmstadt - Wir entschuldigen uns", stellt Steffen Kern mit erkennbarer Betroffenheit fest. Der Sprecher des Kaufhof-Konzerns mit Hauptsitz in Köln reagiert damit auf die Jubiläumsfeierlichkeiten zum 80-Jährigen seiner Darmstädter Kaufhaus-Kollegen. Tatsächlich liefert die Geschichte des Kaufhauses ausreichend Anhaltspunkte, die die Wahl des Jahres 2008 für ein Jubiläum in einem kritischen Licht erscheinen lassen.

1928 zog die Leonhard-Tietz- AG in ein Haus am Darmstädter Marktplatz ein. Der Kaufmann Tietz aus deutsch-jüdischer Familie hatte rund 40 Jahre vorher in Stralsund mit einem winzigen Textilgeschäft begonnen. 1928 verfügte die Familie Tietz über eine ganze Reihe von Warenhäusern und gilt auch heute noch als eine der wesentlichen Begründer dieser Verkaufsform in Deutschland.

Was dann kam, haben die Darmstädter Jubilare in ihren Unterlagen zum Kaufhaus-"Geburtstag" verschwiegen. 1933 "kümmerten" sich die Nazis um die Kaufhaus-Dynastie. Am 11. Juli 1933 - also vor 75 und nicht vor 80 Jahren - beschloss die Generalversammlung einer AG die Umfirmierung in "Kaufhof". Jene AG, die zwischen März und Juli 1933 "mit Gewalt und Erpressung ihren rechtmäßigen Eigentümern, unter ihnen vor allem die Familie Tietz, entrissen wurde", sagt Hannelore Skopies von der Arbeitsgemeinschaft Geschichte vor Ort Darmstadt.

Kern räumt den Fehler ein und betont, der Kaufhof bekenne sich auch zum jüdischen Teil seiner Geschichte. Mit der Wahl des Begriffes "Standortgeburtstag" im Gegensatz zum "Firmengeburtstag" sei dies auch berücksichtigt worden. Gleichwohl hätte auch dieser Teil der Geschichte im geschichtlichen Abriss zum Jubiläum nicht fehlen dürfen.

Gefeiert wird trotzdem noch bis zum 28. September, und besonders die Nachkriegsgeschichte des Darmstädter Kaufhofs liefert dazu viele Gründe. Die Eröffnung des heutigen Hauses im Jahr 1953 führte zu einem nie mehr wiederholten Massenandrang. An diesem Tag musste das Haus mehrfach geschlossen werden, um die Sicherheit von Personal und Kunden nicht zu gefährden, berichtet Birgit Schäven von der Darmstädter Geschäftsleitung.

Ganz so heftige Kundenreaktionen werden die Attraktionen der Jubiläumsfeierlichkeiten nicht auslösen. Trotzdem hoffen die Verantwortlichen, mit ihrem Angebot viele Geburtstagsgäste anlocken zu können. Unterstützt von den Betrieben in der Markthalle werden jeden Tag besondere Events für Erwachsene und Kinder geliefert.

Am heutigen Freitag etwa wartet der Karikaturist Roberto Freire mit Stift und Papier im Erdgeschoss auf die Kaufhof-Kunden. Und im dritten Stock wird für die Kinder ab 15 Uhr ein Spiele-Consolen-Event angeboten. Am 20. September kommt gleich ein ganzer Mitmachzirkus in den Darmstädter Kaufhof.

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