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Darmstadt Zweites Zuhause für Jugendliche

Die „Huette“, das älteste offene Jugendhaus Hessens, feiert ihr 60. Jubiläum. Das Angebot hat sich gewandelt.

Jugendhaus
Die Huette feiert Jubiläum, hier spielen Besucher (v.l.n.r.): Semih, Betreuer Sascha Chatman, Rojda, Soukaina. Foto: Monika Müller

Hurensohn“ ist ein Wort, das man hier nicht hören will. Beschimpfungen und Mobbing sind tabu. Auch dass man zur Begrüßung „hallo“ sagt, ist für manchen Jugendlichen etwas, das er hier erst lernen muss. „Wir haben gemeinsam Verhaltensregeln aufgestellt“, sagt Jugendbetreuer Sascha Chatmann. Partizipation der Jugendlichen, die täglich in die „Huette“ kommen, wird groß geschrieben in der evangelischen Einrichtung in Darmstadt. Sie ist das älteste offene Jugendhaus Hessens, das drittälteste Deutschlands.

Am Wochenende feiert die Huette ihren 60. Geburtstag. 1958 – Darmstadt litt noch unter der Zerbombung, es herrschte Wohnungsnot – war die Kiesstraße im Stadtzentrum eine Brache. Die Huette sei dort das erste neue Gebäude gewesen, sagt Stadtjugendreferentin Eltje Reiners. Die Idee zu einem „Haus der offenen Tür“ als geschützten und selbstbestimmten Ort der Freizeitgestaltung für junge Menschen geht auf Walter Rathgeber zurück. Er war von 1946 bis 1954 in Darmstadt Jugend- und Sozialpfarrer.

Dass die Huette gebaut wurde, ist laut Pfarrer Friedhelm Menzel der Entschlossenheit des damaligen Jugendpfarrers Reinhard Becker und Pfarrer Britz, dem Vorsitzenden der Gesamtgemeinde, zu verdanken. In Hochzeiten kamen bis zu 300 junge Menschen am Wochenende.

Inzwischen sind diejenigen, die sagen „hier verbrachte ich meine Jugend“, teilweise über siebzig Jahre alt. Für viele war und ist es ein Ort, um sich selbst zu erproben. Auch als „Rettungsanker“ und „mein Wohnzimmer“ bezeichneten Jugendliche die Einrichtung schon. Rund 25 Gäste zwischen 10 und 27 Jahren kommen pro Abend in den offenen Treff. Fast neunzig Prozent haben keinen christlichen Hintergrund. Doch das Haus stehe allen offen, betont Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse: „Ich hoffe, dass Jugendliche unterschiedlicher Herkunft hier erleben, dass sie angenommen werden und wichtig sie sind, um die Welt zu gestalten.“

Was die jungen Leute von damals und heute miteinander verbinde, sei „die Musik, die Liebe und die Beziehungen zwischen Menschen“, sagt Stadtjugendreferentin Eltje Reiners. Das Angebot habe sich dabei stetig gewandelt, je nach den Bedürfnissen der Jugendlichen und dem Zeitgeist. Es reicht von Rock’n’Roll tanzen, über Billardspielen, Musikmachen, Theaterspielen, Filme schauen und fotografieren bis zum Playstationspielen. „Heute braucht man keine Dunkelkammer mehr“, sagt Reiners.

Auch der vor einigen Jahren eingerichtete Computerraum werde nicht mehr benötigt, dafür sei jetzt WLAN ganz wichtig. Neben einem Café mit Terrasse gibt es den Raum „Y“ für Veranstaltungen. Hier bekommen Schüler der umliegenden Schulen Montag bis Donnerstag Mittagessen und werden betreut. Außerdem imAngebot: Diskoraum, Fernsehraum, Klavier, Tischkicker und viel Platz um eigene Ideen auszuleben. „Der Bedarf an persönlichem Gespräch ist heute höher als vor 20 Jahren“, stellen die beiden pädagogischen Leiter, Nina Hofferberth und Sascha Chatmann, fest. Besonders beliebt sei auch das gemeinsame Abendessen jeden Freitag gleich nach dem Copeira-Training. Die brasilianische Kampfkunst, entstanden aus der Sklaverei, sei ein guter Ansatz, um über Themen wie Diskriminierung und Mobbing zu reden, sagt Chatman.

Neuer Proberaum für Bands

Gemeinsam zu essen oder Gesellschaftsspiele zu machen, das sei heute für Jugendliche nicht mehr alltäglich in ihren Familien und von daher sehr beliebt. Das Essen, das zusammen gekocht und eingenommen wird, besteht aus „geretteten Lebensmitteln“, die die Darmstädter Tafel an die Huette weiter gibt. Sie ist seit zwei Jahren offizielle Fairteilstation. Was dabei nicht verbraucht, wird, verteilen die Jugendlichen über Facebook im Viertel. Hier macht sich zum Beispiel Ka Chung Shek ehrenamtlich stark. Der 28-Jährige kam 2005 erstmals in die Huette, weil sie als einziges Jugendhaus eine Kegelbahn hatte, wie er sagt. Inzwischen hat er hier seine Jugendleiterausbildung gemacht. „Die Huette ist mein zweites Zuhause“.

Gerade wird ein Kellerraum zum Musikproberaum umgebaut. Man plane, die Kulturarbeit auszubauen, sagt Jugendpfarrer Eckhart Friedrich. Eine halbe Stelle könne besetzt werden, wenn die Unterstützung durch die Stadt feststehe. „In den 80er und 90er Jahren waren Konzerte hier Kult.“

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