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Darmstadt Zu Unrecht geehrt

Nach rund dreijähriger Forschungsarbeit zur Neubewertung der städtischen Ehrengräber soll in sieben Fällen dieser Status entzogen werden. Der gravierendste Fall betrifft Hans Simon, dem eine aktive Rolle im Nationalsozialismus nachgewiesen werden konnte.

15.04.2015 17:27
Ehrengrab von Friedrich Ludwig Weidig. Foto: andré hirtz

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Heinrich Michael Karl (genannt Hans) Simon, ein in Darmstadt geborener Komponist und Kapellmeister, hat auf dem Alten Friedhof ein städtisches Ehrengrab – aber wohl nicht mehr lange. Stimmen die Darmstädter Stadtverordneten einem Beschluss des Magistrats zu, wird die Grabstelle aufgelöst, weil Simon aktiv den Nationalsozialismus unterstützt hat.

Im Oktober 1933 verließ der Musiker Darmstadt und starb 1982 in seiner Wahlheimat St. Ingbert im Saarland. Darmstadts früherer Oberbürgermeister Günther Metzger verfügte nach Recherchen des Fachbeirats 1986, dass die Urne mit Simons Asche nach Darmstadt überführt und in ein Ehrengrab kam, in dem später auch die Urne seiner Witwe beigesetzt wurde. „Ein geordnetes Verfahren dazu gab es damals nicht“, merkte Peter Engels, Leiter des Stadtarchivs, kritisch an.

Weil es immer wieder Anfragen und Diskussionen um Ehrengräber gab, die von der Stadt erhalten und gepflegt werden, setzte der Magistrat im Auftrag der Stadtverordnetenversammlung vor gut drei Jahren einen von Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) geleiteten Fachbeirat ein, der die 70 städtischen Ehrengräber neu bewerten sollte.

Ihm gehörten neben Engels und dem Abteilungsleiter der Friedhofsverwaltung drei externe Historiker an: Annegret Holtmann-Mares, Andreas Göller (beide TU Darmstadt) und Rainer Maaß (Hessisches Staatsarchiv Darmstadt). Der Historiker Holger Köhn vom Büro für Erinnerungskultur (Babenhausen) lieferte wissenschaftlich fundierte Kurzbiografien.

Nach dem gestern präsentierten Abschlussbericht soll bei sieben Gräbern der Status des Ehrengrabs entzogen werden. In 15 weiteren Fällen sieht der Fachbeirat aufgrund formaler Aspekte eine Streichung als möglich, aber nicht unbedingt notwendig an.

Hans Simon war nicht nur Komponist, 1931 ausgezeichnet mit dem Georg-Büchner-Preis für sein musikalisches Werk und der 1963 verliehenen Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Stadt, sondern auch Mitglied im „Kampfbund für deutsche Kultur“, der gegen „entartete Kunst“ und den „zersetzenden Einfluss des Judentums“ eintrat. In Simons Zeit als kommissarischer Leiter der Akademie für Tonkunst (April bis Oktober 1933) fiel die „Säuberung“ der Institution.

Dies ist der einzige inhaltlich begründete Fall, in dem der Magistrat, dem Fachbeirat folgend, die Auflösung des Ehrengrabs empfiehlt. Bei sechs weiteren geht es um biografische Aspekte, die eine Streichung von der Ehrengrab-Liste nahelegen, weil zum Beispiel der Status ausschließlich auf militärischen Erfolgen beruht. Sie sollen aber wegen ihrer historischen Bedeutung erhalten bleiben.

Weil sich die Gräber der früheren Oberbürgermeister Ludwig Metzger und Adolf Morneweg noch im Besitz der Familie befinden, soll ihr Status als Ehrengräber ausgesetzt werden, bis die Stadt die Grabstellen übernimmt. Das ist Voraussetzung für ein Ehrengrab. In 15 Fällen, so ein weiterer Aspekt, legen formale Gründe eine Streichung nahe, weil es sich um eine Gedenkstätte, nicht aber ein Grab handelt, die sterblichen Überreste des Geehrten also nicht an Ort und Stelle sind.

Das betrifft beispielsweise die Widerstandskämpfer Theodor Haubach, Wilhelm Leuschner und Ludwig Schwamb, an die mit einem Gedenkstein an der Grabstätte Carlo Mirendorffs erinnert wird, aber auch den Gedenkstein für „Datterich“-Schöpfer Ernst Elias Niebergall. Ihre Namen sollen aber dennoch weiter auf der aktualisierten Ehrengrab-Liste geführt werden. (ryp)

Ein neuer Fachbeirat, weitgehend identisch mit dem jetzigen, soll sich am 26. Mai konstituieren und den Straßennamen widmen. Die vom Fachbeirat erstellte Dokumentation der Darmstädter Ehrengräber enthält 70 Biografien. Sie soll als Band der „Darmstädter Schriftenreihe“ erscheinen.

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