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Darmstadt Vergessene Darmstädter Juden

Der Förderverein Liberale Synagoge will an Bruno Italienier und Carlo Mierendorff erinnern.

Belzec
Gedenkstein „Darmstadt“ im deutschen Vernichtungslager Belzec im damals von Deutschland besetzten Polen. Foto: Martin Frenzel/Förderverein Liberale Synagoge

Gerade musste ein jüdischer Junge seine Schule in Berlin verlassen, weil er gemobbt wurde, während die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen jede Verantwortung Frankreichs an der Judendeportation der Nationalsozialisten leugnet: „Der Antisemitismus hat heute viele Gesichter“, sagt Martin Frenzel, Vorsitzender des Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt (FLS). Nicht umsonst werde die Neue Synagoge in der Wilhelm-Glässing-Straße rund um die Uhr von der Polizei überwacht. Gerade in Darmstadt, einer einstigen Nazi-Hochburg und Drehscheibe der Deportation, müsse deswegen die Erinnerungskultur am Leben gehalten werden. So stammte etwa der Organisator der französischen Deportation, Werner Best, aus Darmstadt, und von dort fuhren über 3000 Menschen in die Todeslager.

Gedenktafel und Ausstellung

Im Zeichen des 75. Jahrestags der Darmstädter Massendeportation von 1942 hat sich der 2011 gegründete Verein für Erinnerungskultur gleich mehrere ehrgeizige Ziele gesteckt: Die Schaffung weiterer Erinnerungsorte für wichtige Persönlichkeiten, Ausstellungen, Vorträge und die alljährliche Aktionswoche gegen Antisemitismus sind geplant.

Eines der Projekte ist die Errichtung einer Gedenktafel für Bruno Italiener (1881-1956). Italienier war nicht nur lange Jahre Rabbiner der Liberalen Jüdischen Reform-Gemeinde in Darmstadt, sondern verstand sich auch als deutsch-jüdischer Patriot und betrachtete den Antisemitismus in der frühen Weimarer Republik mit Sorge. Mit seiner 1920 publizierte Broschüre „Waffen im Abwehrkampf“ versuchte er, den deutschen Juden Argumentationshilfen gegen antisemitische Anfeindungen an die Hand zu geben.

Der Gelehrte gilt als Retter der Darmstädter Pessach-Haggadah, einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert, die heute in der hessischen Landes- und Hochschulbibliothek verwahrt wird. Für dieses Projekt sammelt der Verein, der sich jüngst für die Benennung eines Karl-Heß-Platzes eingesetzt hat, ab sofort Spenden. 3000 Euro werden laut Frenzel benötigt. Über einen möglichen Standort müssten noch Gespräche geführt werden. Außerdem fordert der Verein anlässlich seines 120. Geburtstags einen Erinnerungsort für Carlo Mierendorff – etwa mit einer Dauerausstellung.

Es sei absolut unverständlich, dass ausgerechnet in Darmstadt, wo Mierendorff zur Schule ging und politisch und kulturell Maßstäbe setzte, kein einziges öffentliches Gebäude seinen Namen trage. Die Idee ist, ihm die ehemalige kommunale Galerie in der Stadtbibliothek, wo bereits seine Büste steht, zu widmen. Auch hier müssten noch Gespräche mit der Stadt geführt werden.

Weiter dringt der Verein nach dem Vorbild Frankfurts, das vor kurzem eine vollwertige Städtepartnerschaft mit Tel Aviv eingegangen ist, auf eine vollwertige Städtepartnerschaft mit der israelischen Stadt Naharya. Bisher bestehe nur eine kooperative Partnerschaft. „Eine echte Verschwisterung wäre mit Blick auf den nahenden 60. Jahrestag der Gründung Israels 2018 ein klares Bekenntnis unserer Stadt für Weltoffenheit und Solidarität“, so Frenzel.

Voraussichtlich im Mai oder Juni plant der Verein, den ihm treuhänderisch anvertrauten Nachlass der Julius-Goldstein-Tochter Elisabeth Juda zu sichten und ihn an das Archiv der hessischen Landesbibliothek zu übergeben. Der Nachlass aus Großbritannien beinhaltet Briefe, Bücher und Fotos ihres Vaters, des Darmstädter Kulturphilosophen Goldstein. Um seine Berufung zur Professur an die damalige Technische Hochschule Darmstadt hatte es zu Zeiten der Weimarer Republik einen heftigen Streit gegeben. „Die Leitung der TH war zutiefst antisemitisch gesinnt“, sagt Frenzel, „und wollte Goldstein trotz bester Zeugnisse nicht berufen, weil er jüdischen Glaubens war“.

Doch der Verein will nicht nur mit historischen Dokumenten und Gedenktafeln erinnern. „In einer Zeit, wo der Antisemitismus wächst und es immer weniger Zeitzeugen gibt, bietet es sich an, an Schulen zu gehen und Filme vorzuführen“, sagt die stellvertretende Vorsitzende Vassiliki Togrouzidou. Geplant sei, den Dokumentarfilm „Wenn Steine aus der Mauer schreien“ des Darmstädter Filmemachers Florian Steinwandter-Dierks an verschiedenen Schulen zu zeigen.

Auch Zeitzeugen – wenn auch indirekte – sollen zu Veranstaltungen geladen werden: Etwa Pfarrer Rüdiger Grundmann. Er hatte 2003 beim Besuch einer Bekannten im städtischen Klinikum die Eingebung, dass an der Stelle, wo ein neues Krankenhausgebäude errichtet werden sollte und die Bagger begonnen hatten, Reste der zerstörten Liberalen Synagoge sein könnten. Er informierte die Gemeinde, wie Frenzel schildert, und stieß so die Rettung der historischen Gebäudereste an, die heute eine Gedenkstätte auf dem Klinikumgelände bilden.

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