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Darmstadt Nostalgie auf zwei Rädern

Motoren knattern, Benzin beißt in der Nase, und die Sonne sorgt in der Darmstädter Radrennbahn für sengende Hitze. Und doch drehen am Samstag Hunderte Moped- und Motorradfahrer ihre Runden im Velodrom. Denn das Vintage Board Track Race – „Vollgas Rennspaß“ – ist ein Ereignis mit Seltenheitswert.

09.06.2014 19:07
Der Spaß steht beim Rennen im Velodrom alljährlich im Mittelpunkt. Foto: Guido Schiek

Thomas Trapp ist ein richtiger Harley-Davidson-Jünger – auch äußerlich: blonde Mähne, langer Bart und tätowierte Arme. Woanders würde der Biker sofort auffallen. Aber hier und heute ist er nur einer unter vielen. Im Velodrom sitzt er inmitten des Betonovals auf einer Holzbank. Ein Pavillon spendet ein wenig Schatten. Trapp plaudert mit Bekannten und Freunden. Mit Gleichgesinnten, die nicht nur ähnlich aussehen, sondern auch seine Leidenschaft für Board-Track-Rennen teilen.

Trapp weiß, dass dies eine ungewöhnliche, weil zwischenzeitlich ausgestorbene Leidenschaft und Sportart ist. Hans Hug, 2006 Initiator des ersten Darmstädter Board-Track-Rennens, erklärt: „Früher waren die Rennen wie Indianapolis für Motorräder“ – rasante Wettfahrten auf Beton mit Steilkurven. „Aber in Deutschland kam Mitte der 50er nach einem tödlichen Unfall in Frankfurt das Aus.“ Board-Track-Rennen galten danach als zu gefährlich.

Dass es sie nun wieder gibt, verdanken Fahrer wie Thomas Trapp allein Hans Hug. Der Ex-Radrennfahrer des Velociped-Clubs (VCD) schwärmt für Motorräder, besonders für alte. 2006 erfährt er, dass es in Bielefeld ein Board-Track-Rennen gibt. Er nimmt Kontakt auf, fährt hin. „Drei Monate später habe ich alle zum ersten Rennen nach Darmstadt eingeladen“, erzählt Hug.

Kein sportlicher Wettkampf

Bei der achten Ausgabe des Rennens fahren nun Board-Track-Maschinen, Zweisitzer und Vélosolex-Mopeds. Die Verantwortung hat Hug mittlerweile an Heiko Stenzel abgegeben. „Nach sieben Jahren hatte ich keine Lust mehr“, sagt Hug lachend und klopft Stenzel auf die Schulter.

Ein richtiges Rennen, erklärt der neue Veranstalter, sei „Vollgas Rennspaß“ eigentlich gar nicht. „Es gibt keinen sportlichen Wettkampf, das wäre zu gefährlich“, sagt Stenzel. „Es ist nur Show für die Zuschauer – und Spaß für die Fahrer.“

Die müssen eine Maschine der Baujahre 1914 bis 1975 mitbringen, zehn Euro zahlen und dürfen dann auf die Strecke. Für verschiedene Bauarten gibt es verschiedene Gruppen. Bis 18 Uhr darf jeder mal ran, außerdem gibt es „freies Fahren“, dann sind alle Maschinen zugelassen.

Alte Helme und Lederjacken

So kann Trapp, im Berufsleben Chef der Frankfurter Harley-Davidson-Factory, bis zur Mittagszeit bereits drei Fahrten absolvieren, alle auf seiner 1916er Harley Davidson. Er liebt diese Fahrten. „Ich bin immer dabei“, sagt er, „jedes Jahr, von Anfang an“. Denn seine Harley ist nicht für die Straße gemacht: „Sie hat keine Bremsen, keine Kupplung und kein Getriebe, das ist eine reine Rennmaschine.“ Deshalb darf er sie nur bei solchen Anlässen fahren.

Um das Gefühl vollkommen zu machen, tragen Trapp und viele andere Fahrer alte Helme und Lederjacken. Aus den Boxen schallt in der Pause Musik aus den 1920er Jahren. „Das ist ein Flashback zurück in den historischen Bahnrennsport“, schwärmt Trapp, „man findet sich in der Zeit wieder“. Genau das ist das Ziel, das Heiko Stenzel vorgibt: „Wir wollen den Sport und die Oldtimer am Leben erhalten“, sagt er. Und das ist es auch, was ein immer größeres Publikum anzieht. Die Fahrer kämen sogar aus Frankreich, Belgien und Bremerhaven, erzählt Stenzel: „Unser Ruf geht weit über Darmstadt hinaus.“ (eda)

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