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Darmstadt Jessicas langer Weg zu sich selbst

Jessica ist transsexuell. Die 15-Jährige wurde als Junge geboren und lässt nun ihr Geschlecht angleichen. Sie fühlt sich als Mädchen. Viele Verwandte reagieren wenig begeistert.

07.06.2015 22:58
Schon als Dreijährige fühlte sich Jessica als Mädchen. Foto: Guido Schiek

Jessica ist 15 Jahre alt, groß, schlank und vollbusig, mit langen Haaren, pinken Fingernägeln und sorgfältigem Make-up. Jessica ist Neuntklässlerin an einer Darmstädter Gesamtschule. Laut Personalausweis ist sie ein Junge. Jessica ist transsexuell.

Das Mädchen kam im falschen Körper zur Welt. Schon als Drei-, Vierjährige hatte sie „viel lieber mit Puppen gespielt, hatte nur Freundinnen, hatte Spaß beim Schminken“, erinnert sie sich. „Schon damals hat sich ganz klar abgezeichnet, dass ich nicht in die Kategorie Jungs passe.“ Zu denen fühlte sie sich nie zugehörig, bestand im Gegenteil darauf, dass sie ein Mädchen ist, übernahm in Rollenspielen immer die Mama, Schwester oder Oma. Und hat dann mit zwölf oder 13 Jahren, „die Fakten auf den Tisch gelegt“.

Zuvor hatte Jessica die Biografie von Kim Petras gelesen. Die 22-Jährige aus Köln gilt als weltweit jüngste Transsexuelle, deren Geschlechtsangleichung noch vor der Pubertät eingeleitet wurde. Sie ließ sich zwischen drei Jahre lang von einem Fernsehteam begleiten. Kims Geschichte unterstützte Jessica in ihrem Selbstfindungsprozess.

Keine Verkleidung oder Rolle

„Ich wollte keine Drag Queen sein, die auf der Reeperbahn herumhüpft“, stellt die 15-Jährige klar. „Das ist für mich keine Verkleidung oder Rolle, sondern das Gefühl, dass es richtig ist.“ Als sie „die Fakten auf den Tisch“ legte, außer ihrer Mama und ihren Geschwistern auch nach und nach die Verwandtschaft Bescheid wusste, wurde es schwierig.

„Meine Familie ist aus Russland, das ist kein Hort der Toleranz“, stellt sie fest. Jessicas hegte große Befürchtungen. Und die bewahrheiteten sich. „Alle alten Verwandten, die ziemlich spät aus Russland gekommen sind – und da insbesondere die Männer – haben negativ reagiert“, sagt sie. „Aber sie sprechen mich nicht direkt drauf an, weil es ein Tabuthema ist.“

Jessica ließ sich einen Termin im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Uniklinikums Frankfurt und der dortigen Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie geben, um die Gutachten zu bekommen, die für eine Geschlechtsangleichung notwendig sind. Das war vergangenes Jahr. Jessica war bereits im Stimmbruch, die Körperbehaarung spross.

Alle drei Monate eine Spritze

Wenn die Pubertät eingesetzt hat, fänden Veränderungen statt, die auf natürlichem Weg nicht mehr umkehrbar seien, weiß die 15-Jährige. „Aber man kann sie jederzeit unterbrechen.“ Da ihr Arzt keinerlei Zweifel daran hatte, dass sie tatsächlich ein Mädchen ist – und keinerlei psychische Vorerkrankungen wie Suizidgefahr oder Magersucht vorlagen, die zunächst einmal behandelt werden mussten, bekam Jessica schnell die Hormonblocker, die die Pubertät stoppten.

Alle drei Monate ist eine Spritze erforderlich. Dazu kommen die weiblichen Hormone, die aus dem männlich-zurückgebildeten einen weiblichen Körper machen. Sie unterliegen einer strengen Überwachung, sagt sie. Die Transsexuelle muss sich in der sogenannten Alltagserprobung im wahren Geschlecht beweisen und wird psychologisch begleitet. Am Ende stehen die sogenannte Personenstandsänderung und die geschlechtsangleichende Operation.

Privat hat Jessica ihren Personenstand schon längst verändert. Wäre sie im Körper eines Mädchens auf die Welt gekommen, hätte ihre Mutter sie Jessica genannt. Für die 15-Jährige war es deshalb überhaupt keine Frage, wie sie eigentlich heißt. (rwb)

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