Lade Inhalte...

Darmstadt „Ich fühle mich wie eine gemixte Pizza“

Der Informatiker Hervais Simo Fhom spricht bei der Evangelischen Stadtakademie zum Thema „‚Making Heimat’ – Integration neu denken“ über Identität und Integration.

Darmstadt
Hält nichts von einem Heimatministerium: Hervais Simo Fhom (r.), der sich den Fragen von Marie-Sophie Adeoso stellte. Foto: Michael Schick

Kaum war Mitte der vorigen Woche bekanntgeworden, dass sich CDU und SPD im Koalitionsvertrag darauf verständigt haben, das Bundesinnenministerium um den Bereich Heimat zu erweitern, hagelte es Hohn und Spott. Auf Twitter waren alsbald die Hashtags #Heimatfirst und #MakeHeimatGreatAgain zu lesen. Obwohl er die bundespolitische Entwicklung nicht vorausahnen konnte, hat Franz Grubauer, der Leiter der Evangelischen Stadtakademie Darmstadt, vor einigen Monaten ein thematisches Feinsgespür bewiesen, als er die Veranstaltungsreihe „‚Making Heimat’ – Integration neu denken“ benannte, die von der Frankfurter Rundschau in einer Medienpartnerschaft unterstützt wird.

Über die Themen Herkunft, Heimat, Integration und Identität sprach am Dienstagabend FR-Redakteurin Marie-Sophie Adeoso mit dem im zentralafrikanischen Kamerun geborenen Hervais Simo Fhom. Der Informatiker, der vor 17 Jahren nach Darmstadt kam, beschäftigt sich seit zehn Jahren an der Technischen Universität Darmstadt und am Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie mit den Themen Privatheit, Transparenz und Vertrauen in mobilen und sozialen Netzwerke.

Simo Fhom bekannte offen, dass er mit dem Begriff „Heimat“ „ein Problem“ habe und dazu tendiere, ihn nicht zu verwenden. Der Begriff „Identität“ bringe für ihn viel besser zum Ausdruck, dass familiäre, schulische oder berufliche Erfahrungen seine Persönlichkeit geprägt hätten. Als er nach Deutschland kam, sei ihm aufgefallen, dass junge Menschen tendenziell weniger neugierig und weltoffen eingestellt gewesen seien.

„In unserer Familie waren wir hungrig nach Wissen und offen gegenüber der Welt“, sagte Simo Fhom und berichtete. Es habe ihn sehr stark motiviert, die bestmögliche Ausbildung zu erhalten.

Die Wahlerfolge des ausländerfeindlichen Front National in Frankreich seien für ihn ein „Warnsignal“ gewesen, sodass er sich bewusst dafür entschieden habe, nicht an einer französischen, sondern an einer deutschen Universität zu studieren. Simo Fhom berichtete auch, dass er anfangs im brandenburgischen Cottbus ohne einen erkennbaren Grund beschimpft worden sei. „Über die Dummheit von Menschen, die in einem so reichen Land mit so vielen Bildungsmöglichkeiten leben, war ich schon schockiert“, sagte der Wissenschaftler.

In Darmstadt mit seinen vielfältigen Forschungs- und Interaktionsmöglichkeiten fühle er sich sehr wohl. „Die Stadt ist sozusagen meine Basis“, sagte Simo Fhom, der empathische Menschen schätzt, die sich gut in die Lage anderer hineinversetzen können. Als gebürtiger Afrikaner, der inzwischen einen deutschen Pass habe, fühle er sich allerdings schon „ein Stück weit wie eine gemixte Pizza“, bekannte der Informatiker.

In der Diskussion wurde angeregt, den Heimatbegriff aktiv und nicht ausgrenzend neu zu gestalten. Dem designierten Bundesinnenminister und CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer würde Simo Fhom indes raten, das Heimatministerium zu schließen, noch bevor es eröffnet werde.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen