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Darmstadt „Hamlet auf meine Art“

In Darmstadt feiert das Theaterlabor mit einem neuen inklusiven Stück „Handicapped Hamlet“ Premiere. Das gesamte Mollerhaus wird zur Bühne.

Probe inklusives Ensemble  Theaterlabor  Handicapped Hamlet
Im Theaterlabor arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung auf Augenhöhe zusammen. Foto: Monika Müller

Aus dem Hirschkopf schallt eine Stimme: „Ich bin der Geist deines Vaters…“. Ein Pulk von Menschen mit schwarzen Anzügen und Hüten schiebt das mehrfach behinderte Klavier in den Bühnensaal. Die Tastatur fehlt, die Seitenwand ist verschwunden, doch es hat Räder und darin sitzt eine Frau mit Kontrabass. „Pass pass“,„Come on“, „Kommt rein, kommt rein“, rufen die Darsteller. Eine Frau im Rollstuhl, daneben läuft ihr Pekinese Xena. Tuba, Trommel und Ziehharmonika untermalen den Gesang, den die Gruppe stampfend und klatschend anstimmt: „Wir sind die besten Schauspieler der Welt…“.

Der Überraschungsfaktor ist garantiert bei der eigenwilligen Shakespeare-Inszenierung „Handicapped Hamlet“, die am Samstag, 13. Januar, um 20 Uhr im Darmstädter Theater Mollerhaus Premiere feiert. Sechs der fünfzehn Schauspieler sind behindert. Vier von ihnen geistig, zwei körperlich. „Sein oder nicht sein? Das ist für sie eine konkrete Frage“, sagt Regisseur Max Augenfeld. Viele von ihnen würden mit Anwendung heutiger pränataler Diagnostik nicht mehr leben. Doch diese Thematik ist nur eine von vielen, die den Theatermachern Augenfeld, Nadine Soukup und Anka Hirsch in den Sinn kamen, als sie sich fragten: Wie würde Hamlet heute sein Unwohlsein kundtun? Was ist faul im Staate …? Sie sind überzeugt, dass der Stoff heute noch so aktuell ist wie damals. Augenfeld spricht gar von einer Hamletisierung unserer Gesellschaft: „Wir denken und informieren uns die ganze Zeit, aber wir handeln nicht.“ Genau wie Hamlet in seinen Monologen.

Die Schauspieler mit Handicap dürfen dabei jeweils frei erfundene und improvisierte Texte sprechen. „Sie sind brillante Improvisierer“, sagt Augenfeld. Die tolle Qualität, die sie von sogenannten normalen Darstellern abhebe, wollte er nutzen. Einzige Bedingung: Was sie sagen, muss etwas mit Hamlet zu tun haben. Die Geschichte kennen sie aus Texten in einfacher Sprache und Hamlet-Versionen aus Peanuts und Simpson. Doch so kommt es, dass jede der elf geplanten Aufführungen anders verlaufen wird. „Ich improvisiere, mache Hamlet auf meine Art“, sagt Lukas Buchwald. Der 20-Jährige hat das Down-Syndrom und tritt in seinem anderen Leben unter dem Pseudonym LK7 als Rapper auf. Als dieser hat er auch Einfluss auf die Musik des Stücks genommen, wie Anka Hirsch sagt, die für die Musik verantwortlich ist. Doch eigentlich beeinflussen sich alle Mitglieder des Theaterlabors dauernd gegenseitig. So reden Bühnenbildner und Techniker ebenso bei der Entwicklung des Stücks mit, wie Techniker und Darsteller. Das inklusive Theaterprojekt findet in Kooperation mit der Lebenshilfe Dieburg statt. Diese stellt drei Inklusionsassistenten, die die Darsteller mit Handicap bei Proben und Aufführungen unterstützen. Seit Oktober laufen die Proben, fast täglich drei bis vier Stunden.

Für die Darsteller, die oftmals zusätzlich in Werkstätten arbeiteten, sei das sehr anstrengend, sagt Christine Ortwein-Kartmann von der Lebenshilfe. Wer mitmachen wolle, müsse es mit ganzem Herzen wollen. So wie Berit Lea Failing im Rollstuhl: Als sie eine Aufführung des Stück „Ungeheuer“ des Theaterlabors sah, wusste sie gleich: „Da will ich mitmachen“. Aber nicht nur die Darsteller machen das Stück so besonders, auch die Spielorte sind ungewöhnlich: „Wir nehmen das ganze Theater in Besitz“, sagt Bühnenbildner Matthias Bringmann. Wie ein roter Faden ziehe sich die Handlung durch das frisch renovierte Gebäude: Aufzüge, Garten, Eingangshalle und sogar der Balkon der Freimaurerloge, die im ersten Stock des Mollerhauses ihr Domizil hat, werden einbezogen.

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